Hans Koren Gedenkjahr 2006


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Slowenische Architektur heute
Vorher & nachher

In den vergangenen 15 Jahren kam es in Slowenien zu zahlreichen tiefgreifenden Veränderungen. 1991 veränderte sich das politische System und es wurde ein unabhängiger Staat gebildet, 2004 trat Slowenien der EU bei. Dieser Wandel in der Gesellschaft muss auch in der Architektur seine Spuren hinterlassen haben. Unter diesem Aspekt können wir die Frage nach dem „Vorher“ und „Nachher“ nicht vermeiden. Was war also vorher? Man könnte sagen, es war nicht ganz so schlecht wie man sich das vielleicht vorstellt, vor allem in der Architektur. Der Sozialismus im alten Jugoslawien wollte eine neue Gesellschaft schaffen. Die Architektur spielte bei diesem Prozess eine wichtige Rolle. Neue Lebensweisen erforderten auch neue Siedlungen, Wohnungen, Häuser etc., und die sollten auf „moderne“ Art und Weise gebaut werden. Alte historische Architektur wurde als Symbol für die alte Zeit betrachtet, die es zu überwinden galt. Nach dem Zweiten Weltkrieg erklärte Stalin, dass die offizielle sozialistische Kunst, der so genannte Realsoz (*), die westlichen Ideals hinwegschwemmen sollte, und damit ging eine Hinwendung zur klassischen Monumentalität einher. 1948 aber wandte sich der jugoslawische Präsident Tito von seinem mächtigen sowjetischen „Vater“ ab und von einem Tag auf den anderen wurden die russischen Einflüsse verbannt. Diese Situation diente einer jüngeren Architektengeneration als Vorwand für ihre moderne Architektur. Auch westliche Einflüsse waren politisch unkorrekt, und so nahm man mit Ländern Kontakt auf, die sich im Zweiten Weltkrieg neutral verhalten hatten: mit der Schweiz und mit Skandinavien, wo in der Nachkriegszeit die fortschrittlichste Architektur gebaut wurde. Die Zeit zwischen 1950 und 1970 war für die Architektur in Slowenien insofern günstig, weil die Architekten die offizielle Aufgabe hatten, ein neues Land aufzubauen; sie waren damit in einer Position, von der man heute nur träumen kann.


Joze Plecnik: National- und Universitätsbibliothek in Ljubljana, 1936-1941. Foto: Damjan Prelovsek
Joze Plecnik: National- und Universitätsbibliothek in Ljubljana, 1936-1941. Foto: Damjan Prelovsek



Von dieser führenden Position der Architektur in der Gesellschaft sind wir heute in eine Lage geraten, in der wir uns von den meisten Investoren sagen lassen müssen, dass die Architektur überflüssig sei, ein unnötiges Hindernis auf dem Weg zu profitablen Investitionen. Trotzdem verbessert sich die Qualität der Gegenwartsarchitektur ständig. Das ist nicht etwa auf günstige Umstände ihrer Entstehung, sondern auf die persönliche Reaktion der Architekten zurückzuführen, die an den Westen anschließen wollen. Die Architekten in Slowenien haben wie in anderen vormals sozialistischen Staaten eine Art Vision: die, nach so vielen Jahren der Ungleichheit endlich mit den alten Nationen der Europäischen Union gleichzuziehen. Die Umstände haben sich grundlegend verändert. Die Slowenen als Teil des sozialistischen Jugoslawiens konnten in das Ausland reisen, aber das war teuer. Sie konnten im Ausland studieren, aber die meisten Stipendien gingen an dem Belgrader Regime nahe stehende Leute. Es war auch möglich, ausländische Bautechnologien oder Materialien zu importieren, aber diese waren hoch besteuert. All das ist nun mit der Politik anders geworden. Alle Technologien, Daten und Informationen sind verfügbar, die Jugendlichen können zum Studieren in das Ausland gehen oder zumindest an internationalen Workshops teilnehmen.


Edvard Ravnikar: Stadthalle in Kranj, 1958-1960. Foto: Miran Kambic
Edvard Ravnikar: Stadthalle in Kranj, 1958-1960. Foto: Miran Kambic



Gibt es eine slowenische Architektur?
Als Slowenien der EU beitrat, nahm das Interesse an seiner Kultur und Architektur stark zu. Wenn wir die Arbeiten unserer jungen Generation im Ausland zeigen, wird immer die Frage nach slowenischen Charakteristiken in ihrer Arbeit gestellt. Kritiker sagen, dass sie zu international sind. Was erwarten sie? Eine romantische Entwicklung, ein Relikt der Vergangenheit im 21. Jahrhundert? Die Frage ist jedoch komplizierter als sie auf den ersten Blick erscheinen mag. Zunächst einmal: Architektur war immer ein globales Phänomen. Stile wie Gotik oder Barock etc. waren nicht auf eine Region beschränkt und folgten überall in der westlichen Welt den gleichen Regeln. Slowenien hat aber eine leicht andere Tradition: die Jože Plečniks (1872-1957). In der Zeit, als Le Corbusier bereits seine fünf Regeln für neue Architektur publizierte, wäre es sehr einfach gewesen, ihn zu kopieren, wie das die meisten Architekten damals ja auch taten. Nicht so Plečnik: er folgte einem sehr unsicheren und individuellen Weg auf der Suche nach der dauerhaften Architektur (architectura perennis nannte er es). Er war gegen die schnelllebigen „Moden“, überzeugt aber noch heute. Sogar die Hardliner der Rationalen aus der Schweiz bewundern sie heute. Das ist slowenische Architektur, und es gibt sie auch neben Plečnik.Vor dem Zweiten Weltkrieg gab es sieben junge slowenische Architekten, die im Büro von Le Corbusier in Paris arbeiteten. Sie waren aber damals zu jung, um die slowenische Architektur zu beeinflussen. Ihr Einfluss kam erst nach dem Krieg. Der wichtigste unter ihnen war Edvard Ravnikar (1907 – 1993), ein junger Vorkriegsstudent Jože Plečniks, der zur zentralen Figur auf der Architekturfakultät Ljubljanas wurde. Inspiriert von Plečnik und Skandinavien, speziell von Alvar Aalto, versuchte er, eine regionale Variante des Internationalen Stils zu entwickeln.


Edvard Ravnikar: residential complex "Ferantov vrt" in Ljubljana, 1964-1976. Foto: Miran Kambic
Edvard Ravnikar: residential complex "Ferantov vrt" in Ljubljana, 1964-1976. Foto: Miran Kambic



Die junge Generation
Wir haben jetzt bereits eine jüngere Architektengeneration, die bereits unter den geänderten politischen Umständen ausgebildet wurden. Ihr Betätigungsfeld ist viel internationaler und ehrgeiziger. Obwohl im Ausland ausgebildet, kehren die meisten von ihnen nach Slowenien zurück. Diese Sixpack-Generation (der Name stammt von dem Titel einer Ausstellung von sechs jungen Büros) überraschte die zur Selbstgefälligkeit neigende Architekturszene insofern, als sie mehrere wichtige Wettbewerbe gewann. Relativ junge Architekten wurden mit großen Projekten betraut, was unter ihren KollegInnen im Ausland großes Interesse hervorrief. Plötzlich galt Slowenien als Land, in dem jungen ArchitektInnen große Chancen hatten (was leicht übertrieben war). Jurij Sadar (Jg. 1963), Tadej Glažar (Jg. 1964), Vasa Perović (Jg. 1965), Boštan Vuga (Jg. 1966), Matija Bevk (Jg. 1972), Aljoša Dekleva (Jg. 1972) und Tina Gregorič (Jg. 1974) studierten am AA in London oder am Berlage Institut in Amsterdam, von wo sie frische Architekturideen, aber auch eine gute Portion Selbstvertrauen mit nach Hause brachten. Sie gewannen mehrere Preise im Ausland und sind in den Medien präsent. Die jüngste Generation ist aber bereits am Sprung: AA Kultura mit einemWohnbau in Portorož, AKSL mit Innenraumprojekten oder Prostorož mit kleinen städtebaulichen Projekten. Sie unterscheiden sich von ihren Vorgängern vor allem durch die tiefe kulturelle Verantwortung in ihren Arbeiten. Sie betrachten ihre Arbeiten nicht als Architektur, sondern stellen sie in einen breiteren kulturellen Kontext. Die Verantwortung eines Architekten gegenüber seinem sozialen Kontext ist eine Tugend, die über Jahrzehnte hindurch als verloren galt. 

Andrey Hrausky


Jure Sadar & Bostjan Vuga: Slowenische Industrie- und Handelskammer in Ljubljana, 1996-1999. Foto: Hisao Suzuki
Jure Sadar & Bostjan Vuga: Slowenische Industrie- und Handelskammer in Ljubljana, 1996-1999. Foto: Hisao Suzuki




(*) Der Ausdruck Sozialistischer Realismus bezeichnet eine Stilrichtung der sozialistischen Kunst, die 1932 vom Zentralkomitee der KPdSU als Richtlinie für Literatur, bildende Kunst und Musik beschlossen und die später für das gesamte sozialistische System verbindlich wurde. Der Sozialistische Realismus als offizielle Doktrin dominierte die sowjetische Kunst bis zum Zusammenbruch der Sowjetunion in den späten 80er Jahren des 20. Jahrhunderts. Die stärksten Auswirkungen hatte er in der direkten Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg; erst nach Stalins Tod 1953 wurden die Vorgaben etwas gelockert.


Nicholas Dodd, Tadej Glazar, Vasa J. Perovic, Arne Vehovar: Grundschule in Kocevje, 1996-2002. Foto: Miran Kambic
Nicholas Dodd, Tadej Glazar, Vasa J. Perovic, Arne Vehovar: Grundschule in Kocevje, 1996-2002. Foto: Miran Kambic

Residenz des Botschafters der Niederlande: Matija Bevk & Vasa J. Perovic: Residence of the Ambassador of the Netherlands to Slovenia in Ljubljana, 2002-2003. Foto: Bogdan Zupan
Residenz des Botschafters der Niederlande: Matija Bevk & Vasa J. Perovic: Residence of the Ambassador of the Netherlands to Slovenia in Ljubljana, 2002-2003. Foto: Bogdan Zupan

Aljosa Dekleva and Tina Gregoric: XXS House in Krakovo, Ljubljana, 2002-2004. Foto: Matevž Paternoster
Aljosa Dekleva and Tina Gregoric: XXS House in Krakovo, Ljubljana, 2002-2004. Foto: Matevž Paternoster

BIOGRAFISCHE NOTIZ: Andrej Hrausky studierte an der Architekturfakultät Ljubljana. Seit Abschluss seines Studiums ist er als Architekturkritiker, Ausstellungskurator, Publizist und Vortragender mit dem Forschungsschwerpunkt „Slowenische Architektur“ tätig. Er ist seit 1975 Mitglied des Herausgeberteams des Architekturmagazins AB und seit 1982 Direktor der Galerija Dessa in Ljubljana. Seit 1990 leitet er das Architekturbüro Arhe. Er organisierte mehr als 150 Ausstellungen in Ljubljana und im Ausland und hielt weltweit Vorträge über slowenische Architektur. Hrausky veröffentlicht in internationalen Architekturzeitschriften wie Arch (Bratislava), architektur.aktuell (Wien), oder Domus (Mailand) und verfasste mehrere Bücher. Hrausky ist auch als Juror für internationale Architekturpreise und –wettbewerbe tätig. 2004 war er Kommissär Sloweniens bei der Architekturbiennale in Venedig.


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