Hans Koren Gedenkjahr 2006


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EINWEIHUNG DES WOLFGANG-BAUER-PARKS
von Günter Eichberger

Lieber Eichi,

das ist schön, daß Du schon wieder eine Rede über mich hältst. Vielleicht machst Du noch einen Beruf daraus.

Du denkst vielleicht, ich sitze auf einer netten Wiese, aber ich sitze nicht, und Wiese ist das, was mich umgibt, auch nicht. Es ist auch kein Park. Es gibt kein Wort dafür, das Dir bekannt sein dürfte.

Vielleicht möchtest Du diesmal davon erzählen, wie das Schreiben bei mir angefangen hat. Im Alter von zehn Jahren ging ich an einem Winterabend, von der Schule kommend, auf mein Elternhaus zu. Es hatte stark zu schneien begonnen. Ich blieb unter einer hohen Straßenlaterne stehen und blickte längere Zeit in das beleuchtete Schneetreiben. Ich ließ die Flocken auf mein Gesicht fallen. Ich dachte an nichts, und gerade deshalb hatte ich ein kurzandauerndes Gefühl, das ich erst viel später als sogenanntes „Weltgefühl" bezeichnen konnte. Ich war auf einmal alles. Ich ging nach Hause, packte meine Schultasche aus und schrieb erstmals ein Gedicht. Das Gedicht war das bloße Festhalten der optischen Erlebnisse, die mich eben durch dieses Gefühl so fasziniert hatten. Darin steckte aber nun endgültig und für immer (wenn auch nur schwach) abrufbar, mein Gefühl. Das kleine Gedicht blieb meine eigene Erfindung der Dichtkunst und meine Selbsterfindung als Dichter. Vielleicht läßt sich das noch ein wenig ausschmücken...

Auf die vorwurfsvolle Frage, was ich denn vom Schreiben hätte, habe ich einmal sehr ernsthaft geantwortet: die Ehre. Deshalb soll man mich ehren, daß es nur so scheppert. Aufführen soll man mich ständig und Symposien veranstalten und recht viele Ausstellungen über mich machen und halb Graz nach mir benennen. Auch Deine Rede soll möglichst feierlich sein.

Es wäre Dir wahrscheinlich am liebsten, wenn ich selber bei der Einweihung auftauchen würde. Meinen eigenen Leichnam auf Händen trage und sage: Ich habe den Tod durch den Tod überwunden. Da würden alle Augen machen. Aber über solchen dramatischen Effekten stehe ich mittlerweile. Wie ich ja auch über meinen Erinnerungen stehe. Sie verblassen und lassen nur ein unbestimmtes Gefühl der Erleichterung zurück. Aber das ist falsch gesagt. Es ist zu ausschließlich. Man darf aber nichts ausschließen.

Ich kann Dir jetzt einige Fragen beantworten, die Du mir immer stellen wolltest. Was die Welt ist? Die Welt, denke ich, ist alles Mögliche. Unheimlich häßlich, unheimlich schön, aber immer unheimlich. In jedem Fall wird sie überschätzt. Nicht einmal ewig ist sie.

Was ist der Sinn? Da muß ich chinesisch werden. Ein Sinn ist wie eine Blume. Weil eine Blume einen Sinn hat. Warum? Und hier schweigt der Chinese...

Was ich schreibe? Ich schreibe nichts mehr. Auch diesen Brief schreibe ich ja nicht wirklich. Das Schreiben war ja auch nur eine Übergangslösung. Jetzt brauche ich keine Sprache mehr, keinen Krüppel, der mir voranhumpelt. Und keine Kunst. Nicht einmal einen Schwindel. Jetzt brauche ich nichts und niemanden mehr, nicht einmal mich.

Ich habe jetzt viel zu schweigen. Wahrscheinlich erwarten manche, daß ich noch kräftig herumspuke, ich geistere aber nur noch durch Träume, und das liegt an den Träumenden, nicht an mir.

Bei Gedenkfeiern feiern sich vor allem die Lebenden. Die Spezialisten der Ausdeutung, die ewigen Kanonsänger. Jetzt kann ich in Ruhe vermessen werden oder in Ruhe vergessen. In jedem Fall unschädlich gemacht. Jetzt beißt mein Witz wirklich keinen mehr. Und in den letzten zwanzig Jahren hat mir auch niemand die Auslöschung anempfohlen. Wie tief muß der Eindruck sein, den man auf jemanden macht, wenn einem ein gewaltsamer Tod gewünscht wird. Wegen dem bißchen Theater. Wegen ein paar Gespenstern.

Alles darf man sein, nur nicht würdevoll, habe ich einmal gesagt. Den Ruhm, daß eine Fernsehsendung bloß wegen meines Erscheinens umgehend eingestellt wurde, kann mir keiner nehmen. Dabei habe ich nur von meinem Haß aufs Theater gesprochen und daß ich in Wirklichkeit gar nicht da sei. Aber diese Nichtanwesenheit war schon zuviel an Ärgernis.

Und ich war ja schon zu Lebzeiten mehr in einem Paralleluniversum heimisch als in der Katzianergasse. Ich bin jetzt endlich alles in einem. Ich gehe in alle Richtungen und darüber hinaus. Und immer alles gleichzeitig. Wobei die Zeit natürlich stillsteht, während ich immerfort weitergehe oder endlos weiterbewegt werde...

Wahrscheinlich soll ich auch als Toter die Menschen zum Lachen oder zur Empörung reizen. Ich lache jetzt nicht mehr, weil der Humor im Tod keine Funktion mehr hat. Ich interessiere mich auch für nichts mehr. Und ich sehe auch keine anderen, ich sehe gar nichts.

Was nichts ist, müßte man näher bestimmen. Vielleicht sagst Du in Deiner Rede etwas dazu. Sprich lieber über das Nichts. Und denk nicht an mich. Dichter denken nicht. Sie werden gedacht.

Herzlich
Dein Wolfi


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