Hans Koren Gedenkjahr 2006


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Joachim Gunter Hammer
Text von Günter Eichberger

WÜSTENANEKDOTE MIT JOACHIM GUNTER HAMMER

Ich bin einmal, es wird wohl länger her sein, mit J.G. Hammer durch die Wüste Gobi spaziert. Gunter hielt sich eine Muschel ans Ohr, was mir Gelegenheit gab, ihm in meiner nüchternen Art zu erklären, daß er entgegen langlebigen Legenden nun nicht das Meer rauschen höre, auch nicht seinen eigenen Blutkreislauf, nein, nein; vielmehr handle es sich um ein Resonanzphänomen: Wie in einem Blasinstrument befinde sich in der Muschelschnecke eine Luftsäule, die eine bestimmte Eigenfrequenz besitze. Außerhalb des Schneckengehäuses gebe es eine Vielzahl von Umweltgeräuschen, die so leise seien, daß wir sie gar nicht wahrnehmen könnten. Der Hohlkörper der Muschel verstärke diese Geräusche zu einem Rauschen. Auch in Konservendosen, Gläsern, ja sogar in der hohlen Hand könne man dieses Rauschen erzeugen, das mitnichten des Meeres Rauschen sei.

Das sei poetisch vollkommen unhaltbar, sagte Joachim Gunter Hammer, er halte diese Muschel an sein linkes Ohr, damit es der Fremdin Stöhnlust trage übers Meer.

Darauf wußte ich nichts zu sagen, wahrscheinlich, weil mich die viele Prosa so prosaisch werden hat lassen. Schweigend gingen wir weiter durch die Wüste. Ich immer ein Stück hinter ihm, weil ich den Weg nicht kannte.

Irgendwann, ich weiß nicht wann, jedes Zeitgefühl hatte ich verloren, sagte J.G., indem er sich zu mir umwandte: Die Welt ist Fata morgana und steht auf dem Kopf. Wir müssen auf dem Kopf gehen, um sie richtig zu sehen. (Aber vielleicht habe ich mich verhört. In der Wüste klingt alles anders und die Worte nehmen andere Bedeutungen an.)

Nichts ist so grün wie die Wüste, nicht einmal die Sonne, sagte Hammer. Er hörte sich mittlerweile wie eine Flöte an. Und so schaute ich lange versonnen die Sonne an...




Joachim Gunter Hammer
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Joachim Gunter Hammer



Kurzbiografie Joachim Gunter Hammer

Geboren 1950 in Graz, Studium der Naturwissenschaften. Zahlreiche Veröffentlichungen im Rundfunk, in Zeitschriften und Anthologien (z.B. Jahrbuch der Lyrik, Landvermessung) des In- und Auslandes; viele seiner Gedichte wurden in verschiedene Sprachen übersetzt, bislang 165 Gedichtbände, zuletzt: Flöten gehen, Verlag Kitab, Klagenfurt-Wien 2006, Finsternis Sonne Ich, Verlag Kitab, Klagenfurt-Wien 2006.

Zitat aus „Flöten gehen":
Drüben ist irgendwo in mir
und mein Leben
der Phantomschmerz eines andern.

Zitat aus „Finsternis Sonne Ich":
Mäntel
Worin Niemand
Sind wir


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