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Gertrude Maria Grossegger
Text von Günther Freitag

so stumm sind die fische nicht, lautet der Titel von Gertrude Maria Grosseggers erstem Prosaband, der im vergangenen Jahr bei Leykam erschienen ist, nachdem schon im Verlag Bibliothek der Provinz zwei Lyrikbände (es blieb was sie sah und im fluss) veröffentlicht wurden.

Es seien Geschichten, erfährt der Leser vor dem ersten Text, Geschichten vom längsten Winter, von ihrem längsten Winter, und wird, wenn er auch nur für einen Augenblick einhält und nicht sofort umblättert, seinen Assoziationen ausgeliefert sein. Das Bild des Winters, wird er sich vergegenwärtigen, Metaphern aus Gedichten Trakls werden womöglich aufblitzen aus dem Dunkel seiner Erinnerung und vielleicht wird er sich fragen, was denn der Winter (Schreibwinter etwa?), der hier vorweg geradezu beschworen wird, für die Texte der Autorin zu bedeuten hat.

Vielleicht eine erste Verunsicherung des Lesers, und diese Vermutung ist positiv gemeint, weil ich gerade diese an Texten schätze, die Tatsache, dass nicht alles vom ersten Satz an aufgeblättert ist, dass Rätselspuren in die Lektüre gelegt werden. Eine zweite mag sich aus der Ungewissheit ergeben, wo denn diese Texte in den herkömmlichen Gattungsdefinitionen einzuordnen seien. Eine überflüssige Frage aus meiner Sicht, würde sie nicht der Klappentext selbst thematisieren. Erzählungen sei zu weit gegriffen, liest man dort, Miniaturen zu kurz, irgendwo dazwischen sei diese Prosa angesiedelt.

Von Miniaturen schreibt auch Christiane Ulz in ihrer Besprechung des Lyrikbands es blieb was sie sah:
Geradlinig, ohne barocke Schnörkel ziehen pointierte Formulierungen, Metaphern und überraschende Vergleiche auf die Tiefenschicht des Nennbaren und der LeserInnen. Unterstützt und zugleich gegliedert werden die Sprachbilder durch farbintensive Miniaturen, in denen Abstraktion und Figürlichkeit in Schwebe gehalten werden.

Der Modell-Leser (nach Umberto Eco) wird bei dem Begriff „Miniaturen" vielleicht an Prosaskizzen Peter Altenbergs denken, an die pointiert-feinen Stimmungsbilder aus dem Wien des fin de siècle, aber auch dies wird keine konkrete Nähe bezeichnen, denn der Abgeschlossenheit Altenbergscher Szenen steht die Offenheit dieser Texte entgegen.

Konkret hingegen wird für den Leser des ersten Textes Golgo, der Kranke, der aus dem Paradies Gefallene, der vielleicht aus dem Paradies herausgestolpert ist und hinein in die hoffnungslose Immunschwäche, von dem die Schwestern auf der Station sagen, er sei der Schwebende, der Gefiederte, dem man die Flügel nicht ansehe, der noch einmal in das Leben vor der Krankheit zurückfliegen möchte. Zurückfliegen in ein Leben davor, weil sein Jetzt die Grenze kennt, jene Grenze, bis zu der ihn die beruhigend/beunruhigenden Pflegersätze der Krankenschwestern treffen:

es wird alles gut. ließ man ihn glauben. nun ist alles zerschlissen. sein körper abgeblüht. er liefert ihn aus. er ist ausgeliefert. wenn es ersatzteile gäbe. er würde alles ersetzen. austauschen. sie machen ihm das bett. sie bringen ihm tabletten. sie lassen ihn liegen. er dämmert vor sich hin.

An dieser Stelle komme ich nun auf meine Leseerfahrung mit der Prosa Grosseggers zu sprechen. Ein schmaler Band, den ich in einem Zug durchlesen kann, werde ich wohl gedacht haben, als ich das Buch in Händen hielt. Aber mit dieser Einschätzung befand ich mich auf dem sprichwörtlichen Holzweg, der, was das Lesen betrifft, ein langsamer, immer wieder zum An- und Einhalten zwingender war. Und nach wenigen Seiten war mir auch klar, was es ist, das mein Lesetempo bis in die Zeitlupen- und manchmal auch in die Standbildlangsamkeit reduzierte. Im geschilderten oder auch erzählten Bewusstsein wie im Erleben treffen Außen- und Innensicht aufeinander, oftmals bloß ausgelöst durch ein einziges Bild, ein suggestives Wort mitunter, das die Assoziationsmaschine im Kopf des Lesers anwirft. Dann wird er die Grenze des Textes sprengen und sich hineingeworfen wiederfinden, mitten drin in einer Prosa, die mit einem Mal die Differenz zwischen literarischer Figur und Leser aufhebt. Erinnertes, Gehörtes oder Erlebtes werden dort ansetzen, wo die Autorin zwei Sätze oder auch bloß Wörter durch einen Punkt trennt und eine Stelle markiert, die der Leser wohl nicht achtlos überspringen wird können.

er war kaum fähig zu gehen. er hatte fieber. immunschwäche. sagte man ihm später, lese ich und erinnere mich an die Aids-Fotografie Oliviero Toscanis aus der Benetton-Werbung. Die Todesminute des David Kirby als Plakatsujet. Ein Blick, der das Einhalten gebietet wie die Punkte, von denen zuvor die Rede war. Reduktion bis in das Nicht-Sagbare, dorthin, wo das Sprechen zum Versagen im wörtlichen Sinn gerät: ein bisschen möchte ich schon sagen lassen. oder ausreden lassen. einmal ausreden lassen. bis nichts mehr herauskommt. sagt er. es kommen immer frösche heraus. aus dem mund, lese ich an einer anderen Stelle. die sprache kann nicht aus dem mund hervor. die sprache muss woanders hervorkommen.

Viele Texte in dem Band so stumm sind die fische nicht siedelt die Autorin in Rom und seiner näheren Umgebung an, Texte, in deren Zentrum Menschen, Orte und kleine Begebenheiten stehen und aus deren Zusammenschau ein Mikrokosmos des Alltags im Süden, feinfühlige Parabeln vielleicht über das Leben schlechthin entstehen. So werden in einer rhythmischen Sprache, die sich immer wieder auf Stilmittel der Lyrik beruft, Szenen und Stimmungen abgebildet, die aus meiner Sicht weit über das Dargestellte hinausweisen, Bilder sind, die mitunter zum Sinnbild unserer Existenz sich weiten. Parabeln des Scheiterns und zugleich Texte, die gegen das Scheitern sich zur Wehr setzen. Aber selbstverständlich kann sich alles auch anders verhalten.      




Gertrude Maria Grossegger
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Gertrude Maria Grossegger



Kurzbiografie Gertrude Maria Grossegger


Geb. 1957 in Knittelfeld
Kindheit in Mühlen, Bezirk Murau
Lebt in Eichkögl, Bezirk Feldbach

Publikationen:
 „es blieb was sie sah", Gedichte und Bilder, Verlag Bibliothek der Provinz, 2003
 „im fluss", Gedichte, Verlag Bibliothek der Provinz, 2004
„so stumm sind die fische nicht", Prosa, Verlag Leykam, Graz, 2006
Veröffentlichungen in Literaturzeitschriften, Anthologien und im ORF.
Auslandsstipendien des Bundeskanzleramtes
Literaturförderungspreis 2006 der Stadt Graz

Zitat aus "so stumm sind die fische nicht":
sie sammelte zarte momentaufnahmen. die kamera war nicht fein genug. sie hatte nur die wahl des abdrucks. sie musste abdrücke anfertigen. dann wurden die dinge artig und blieben ihr eigen. wie zum beispiel die sicht von innen nach außen kommt. für einen kurzen moment nur. und wie sie dann wieder weggeht. in zeitlupe. für immer.




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