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Günter Eichberger
Text von Helwig Brunner

„Poesie entsteht dann, wenn nichts anderes mehr übrig bleibt." Dieser Satz des tschechischen Dichters Miroslav Holub ist mir eingefallen, während ich Günter Eichbergers neuestes Buch „Nein" las. Falsch. Auf diesen Satz bin ich irgendwo gestoßen oder dieser Satz ist irgendwo auf mich gestoßen, nachdem ich „Nein" gelesen hatte. Wieder falsch. Diesen Satz habe ich in meiner praktischen kleinen Sammlung ausgegraben, in der irgendwann notierte Sätze darauf warten, ans Licht geholt und in einem Text welcher Art auch immer, zum Beispiel einem Anlasstext wie diesem, recycled zu werden. Das macht man heute so. Sätze recyclen. Anlasstexte schreiben.

Wie schon der Titel vermuten lässt, handelt es sich bei „Nein" um ein durch und durch bejahendes Buch. Es bejaht seine eigene Unmöglichkeit, die Unmöglichkeit des Erzählens, die Unmöglichkeit, einen Protagonisten zu erfinden für eine ohnedies nicht zu erzählende Geschichte. Das Buch behelligt seinen Leser, seine Leserin erst gar nicht mit den armseligen Frustrationen des vorgeblich Erzählten, sondern bekennt sich lieber gleich zum Unsagbaren, falsch, zum Unsäglichen. „Tröstlich ist immer nur die Aussicht auf nichts", lesen wir an einer Stelle. Da ist es nicht weit zu Bashos trostreichem Rat: „Nimm nichts und füge nichts hinzu." Wer hätte gedacht, dass Nihilismus und Buddhismus so nahe beisammen liegen wie ein Liebespaar in seinen besten Tagen? Kann sein, sie haben bei der Gelegenheit dieses Buch gezeugt.

„Nein" nimmt allen Zweiflern den Wind aus den Segeln, indem es den Zweifel zur Gewissheit macht. Den Zweifel an den Dingen ebenso wie den Zweifel an den Worten über die Dinge und an dem als irrwitzig entlarvten Unterfangen, mit diesen Worten eine Geschichte erzählen zu wollen. Ergo wird eine Geschichte in immer neuen Anläufen nicht erzählt. Und löst ihre dichte Prosa am Ende in lichte Verse auf. Falsch. Verdichtet ihre ohnehin schon dichte Prosa am Ende in ein paar lichte Gedichte. „Poesie entsteht dann, wenn nichts anderes mehr übrig bleibt." Gedichte also sind das folgerichtige Ende eines Buches mit dem folgerichtigen Titel „Nein". 




Günter Eichberger
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Günter Eichberger



Kurzbiografie Günter Eichberger

Geboren 1959 in Oberzeiring (Steiermark), lebt in Graz. Studium der Germanistik und Anglistik, 1984 Promotion. Freier Schriftsteller.

Buchveröffentlichungen:
„Der Wolkenpfleger", Residenz Verlag, 1988
„Gemischter Chor", Residenz Verlag, 1990
„Der Doppelgänger des Verwandlungskünstlers", Verlag Styria, 1994
„Ich Fabelwesen", Verlag Styria, 1996
„Vom Heimweh der Sesshaften", Verlag Styria, 1998
„Gesicht aus Sand", Ritter Verlag, 1999
„Überall im All derselbe Alltag", Ritter Verlag, 2001
„Aller Laster Anfang", Residenz Verlag, 2003
„Nein", Ritter Verlag, 2006

Theaterstücke:
„Ausgeliefert", Ensemble Theater, Wien, 1992
„Der König, sein Narr, seine Königin und ihre Geliebte", Theatro, Graz, und kabelwerk, Wien, 2001
Elf Hörspiele (ORF, WDR, NDR)

Zitat aus „Nein"
Man spürt noch die Knospen an den eigenen Ästen. Man spürt noch, wie man aufblüht.
Wie man als Wolke zieht, als Regen fällt, als Erde trinkt. Wie man ausbricht als Vulkan, als Donner rollt, als Blitz einschlägt.


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