Hans Koren Gedenkjahr 2006


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Gunter Falk

ZUR GESAMTAUSGABE VON GUNTER FALK:
„LAUF WENN DU KANNST“
(Ritter, 2006)
von Günter Eichberger


Im März dieses Jahres erhielt ich einen Anruf von Heimo Steps, ob es denn nicht endlich Zeit für eine Gesamtausgabe des Werks von Gunter Falk sei. Allerdings, sagte ich, in ein paar Wochen erscheint sie. Durch diese erfreuliche Koinzidenz wurde die 415 Seiten starke Publikation zu einem Programmpunkt von „auszeit“.
Seit dem Gunter-Falk-Syposium in der Hofburg (1999) habe ich versucht, Verlage für Falks Texte zu interessieren. Der Ritter Verlag (namentlich der Lektor Ralph Klever) war bereit, dieses Wagnis einzugehen. Die Steiermärkische Landesregierung minderte das verlegerische Risiko durch einen Druckkostenzuschuß.
Die Ausgabe enthält Falks zu Lebzeiten erschienene Textbände „Die Würfel in manchen Sätzen“ (1977) und „Die dunkle Seite des Würfels“ (1983) sowie seine nachgelassenen und verstreut veröffentlichten poetischen Arbeiten. Statt eines Nachworts gibt es drei zentrale Essays des Dichters und Soziologen. (Die furchteinflößende Komplettheit einer historisch-kritischen Ausgabe wurde nicht angestrebt. Gemeinschaftsarbeiten, Entwürfe und Varianten wurden nicht aufgenommen.)
Wilhelm Hengstler schrieb im „korso“ anläßlich der Präsentation des Buches: „Während Hanns Koren den steirischen Aufbruch in die Moderne durch ein Beharren auf konservativen Werten betrieb, brachen die Forumliteraten Gunter Falk und Wolfgang Bauer mit ihren provozierenden Dunkelkammerlesungen in die gleiche Richtung auf. Insofern war der Abend nicht nur von beklemmender Intensität, sondern auch programmatisch stimmig. 




Gunter Falk
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Gunter Falk



Ein intellektueller Motor

"Falter" Nr. 27/06 Steiermark vom 05.07.2006 Seite: 5
Ressort: Steiermark Kultur
von Paul Pechmann


LITERATUR
Zwanzig Jahre nach Gunter Falks Tod liegt sein facettenreiches Werk in einem Band vor. Die Wiederentdeckung eines außergewöhnlichen Dichters.


Er galt als der intellektuelle Motor unter den Dichtern aus dem Umfeld des Forum Stadtpark, von seiner Kompetenz in der Kultur- und Literaturtheorie profitierte die einstmalige Autorengruppe um die Manuskripte nachhaltig - Gründer Alfred Kolleritsch nannte ihn eine "Instanz". Erst jetzt, über zwanzig Jahre nach seinem Tod, liegt Gunter Falks facettenreiches dichterisches Werk in einem vollständigen Band vor. Die von Günter Eichberger mit Sorgfalt zusammengestellte Leseausgabe "lauf wenn du kannst" umfasst neben Wiederabdrucken sämtlicher publizierter Texte auch eine Anzahl von lyrischen und Prosaarbeiten aus dem Nachlass, der sich übrigens nicht in Graz, sondern seit 1999 im Besitz der Österreichischen Nationalbibliothek befindet. Falk gilt gemeinhin als sperriger und eher spröder Autor. Dabei handelt es sich um ein Vorurteil, wie auch Herausgeber Eichberger meint: "Falks Texte sind unterhaltsam, ohne Unterhaltungsliteratur zu sein." Erinnert sei etwa an "Aufwartung (Minny's Comin')", eine Kurzgeschichte, die nur mit den Ausrufen von Comic-Sprechblasen erzählt wird. Seine Neigung für populäre und ästhetisch krude Präsentationsweisen (etwa der Rockmusik), seine Musikalität, die ihm eigene Lakonik und sein aufreizend pointenloser Witz vermögen nicht nur Liebhaber experimenteller Literatur zu begeistern. Im Gewand der Alltags-und Wissenschaftssprache paaren sich in Falks Texten poetologische Spiele, soziologisches Interesse und gesellschaftskritische Ambition mit emotionaler Wucht; etwa in den um eine Spielfigur namens "Franz" angelegten Erzählungen wie "Kleine novelle von der großen traurigkeit und ihre kleineren und größeren ursachen". Das Schreiben bedeutete für ihn stets ein Erkunden der eigenen Bewusstseinslagen, in letzter Konsequenz die kalkuliert-spielerische Herausforderung existenzieller Grenzerfahrung ("in meiner dämmerung / versinke ich / ziegelrot / wie frisches lungenblut / hinter den hügeln / meiner großhirnrinde"). Falks literarische Arbeiten sind Ausdruck eines umfassend devianten Verhaltens, das gegen den Common Sense eines durchökonomisierten Kulturbetriebs, gegen die Ideologien gängiger Unterhaltungs-und Erbauungsliteratur gerichtet ist. Deshalb wäre eine weiterführende Auseinandersetzung mit diesem Autor und seinem Werk heute notwendiger denn je, eine repräsentative Edition von Falks soziologischen und wissenschaftsjournalistischen Arbeiten fehlt nach wie vor.
Die Präsentation der Werkausgabe in der Grazer Münze stellte einen Höhepunkt des von Heimo Steps kuratierten Koren-Projekts "auszeit" dar. Wie bei Gunter Falks letztem Auftritt vor Weihnachten 1983 im Forum integrierte eine Jazzformation um den Pianisten Dieter Glawischnig (von der ehemaligen Besetzung der Neighbours blieb noch der Bassist Ewald Oberleitner) die Literatur des Poeten in ihre Improvisation; die vom Gitarristen Armin Pokorn gesampelte Stimme Gunter Falks verlieh dem klangalchemistischen Ereignis eine nahezu geisterhafte Präsenz.

Gunter Falk: lauf wenn du kannst. alle texte. Hrsg. von Günter Eichberger. Klagenfurt/Wien: Ritter Verlag, 416 Seiten, Euro 23,90


Die Stimme des Untoten

"Korso", 10. Juli 2006
von Willi Hengstler


„LAUF WENN DU KANNST, alle Texte" von Gunter Falk, herausgegeben von Günter Eichberger

Besonders empfehlenswert; schwergewichtig, aber heiter zu lesen. Am 23.12.1983 las er zusammen mit dem Jazztrio „The Neighbours" und starb zwei Tage später - letztlich an einem zu intensiven, möglicherweise unglücklichen Leben. 25 Jahre später stellte der Grazer Autor Günter Eichberger als Herausgeber des Gesamtwerkes von Gunter Falk den bei Ritter erschienenen Band am 2. Juli im Studentenheim „Münzl" vor. Wie immer war das Klavier schwarz, wie immer waren Wände und Fenster schwarz abgehängt und wieder spielten die Neigbhours, diesmal zur Stimme des Toten, die aus der ursprünglichen Aufnahme heraus gesampelt worden war. (Dieter Glawischnig Klavier, Ewald Oberleitner Bass und Armin Pokorn, Gitarre, Sampling). Das raue, alkoholgetränkte Lispeln, die sanfte und zugleich wilde Stimme des längst Verstorbenen mischte sich gespenstisch mit der etwas aparten Livemusik. Die ursprüngliche Aufnahme, wesentlich wilder, findet sich auf zwei CDs, die dem bei Droschl erschienenen Dossier über Falk beigelegt sind.
Auf den Soziologen und Autor Falk trifft das Bild des Untoten zu, der keiner Welt ganz angehört und deren normale Bewohner verstört. Stets bestand ein Missverhältnis zwischen der öffentlichen Wertschätzung Gunter Falks und dem lesenden Publikum; zwischen dem „Franz beim Bier" wie ein Text heißt, und dem prophetischen Analytiker einer Kultur der Kulturlosigkeit. 1999 wurde eine Symposiumsreihe in der Hofburg den Intellektuellen der 2. Republik gewidmet und Falk war nach Ernst Fischer die zweite Persönlichkeit, der man sich widmete. Die Tragfähigkeit von Falks prophetischen Slogans, das Zusammenspiel zwischen Politik und Kunst, Reflexion und Sentiment zeigt sich aktuell in Zitaten wie „Die Grenzen Deiner Liebe sind die Reichweiten Deiner Raketen". In seiner Einführung machte Günter Eichberger klar, dass mit dem Tod Gunter Falks die Grazer Ära der Spätboheme, eines selbstzerstörerischen, gelegentlich erhellenden Individualanarchismus endete. Während Hanns Koren, dessen 100. Geburtstag dieses Jahr begangen wird, den steirischen Aufbruch in die Moderne durch ein Beharren auf konservativen Werten betrieb, brachen die Forumliteraten Gunter Falk und Wolfgang Bauer mit ihren provozierenden Dunkelkammerlesungen in die gleiche Richtung auf. Insofern war der von Heimo Steps in seiner dem 100.Geburtstag von Hanns Koren gewidmeten Veranstaltungsreihe „auszeit" veranstaltete Abend nicht nur von beklemmender Intensität, sondern auch programmatisch stimmig.

Gemma auf double time

„Die Zeit“
von Konrad Heidkamp


Dann fang i mal an", keucht die heisere Stimme, Kreisler-arrogant und Qualtinger-kotzig, "die Musiker heißen Näbas, d' kennan sie ja." Der Autor Gunter Falk sitzt am 22. Dezember 1983 im Grazer Forum Stadtpark, hält sein Buch Die dunkle Seite des Würfels hoch und erklärt: "Das ist einer der entscheidenden Texte der Gegenwart." Die Musiker heißen eigentlich Neighbours, das Buch kannten damals wenige und heute kaum einer, die folgenden zwei Stunden zählen zu den eindringlichsten, verzweifeltsten und gelassensten Begegnungen von poetischen Texten und Jazz.
Man muss nach rückwärts gehen, um sich nach vorwärts zu erinnern. Nach Graz, einer österreichischen Universitätsstadt, wo in den sechziger Jahren die jungen Wilden und die formbewussten Sprachentschlacker sich gegen die Wiener Übermacht verbündeten, wo Wolfgang Bauer, Gerhard Rühm, auch Peter Handke lasen, in Alfred Kolleritschs manuskripten veröffentlichten und die graue Eminenz Gunter Falk seine Rollen spielte. Möglich nur auf der überschaubaren Bühne einer Kleinstadt mit ihrem engen Geflecht aus literarischen Zirkeln, angesagten Kneipen, Seminaren vom Hörensagen, schwärmenden Frauen und einem Publikum, das registriert, was läuft, wer da welchen Rausch hat. Gunter Falk gab es viermal: als Dozenten für Soziologie an der Universität, als Dichter, der die Alltagssprache gegen den Wissenschaftsjargon setzt, als Alkoholiker und als bekennenden Liebhaber. Kein Wunder, dass sein Dissertationsthema Spielsystem und Spielverhalten hieß, dass das ach so beliebte Rollenspiel zwei Seiten hatte: sich einzuüben und sich zu distanzieren. Als Dichter zumindest konnte er die Widersprüche in der Schwebe halten, in der Wirklichkeit brachten sie ihn um. "es gibt viel das hier eine rolle spielt / spiel du deine und sei im rahmen denn / die würfel in manchen sätzen fallen sondergleichen.
"Er frisst alles: Hoch- und Tiefkultur, Rockmusik und Jazz, Wissenschaft und Poesie, Pornografie und Haikus. Ist er nüchtern, wird er bitter und zynisch, trinkt er, erzählt er detailliert obszön, das Private muss ins Öffentliche. Falk lebt in einer Welt aus Comicsprechblasen, Prosa, Montage, Songtexten und Bildern, die man von Rolf Dieter Brinkmann kennt, und ist - im Gegensatz dazu - Entschlacker von Sprache. Er produziert lakonische Gedichte, die Konrad Bayer und Gerhard Rühm näher stehen als seinem Freund Wolfgang ,Wolfi' Bauer, dem er zu Magic Afternoon die Stimmung und zu Gespenster die Rolle vorspielt.
"Schlag doch ... schlag doch zu ... so schlag doch endlich zu." Ein verzweifelter Mann spricht da, wispert, brüllt, das Schlagzeug knallt dumpf, das ist keine Papierlyrik, "liebe alles ... was du erschlagen kannst", die kalte Wut richtet sich gegen die eigenen Sätze, ein Duett für Schlagzeug und Stimme, ein frühes Manifest für Einstürzende Grazer Neubauten. Nach einer Viertelstunde stoßen die anderen Neighbours zum Schlagzeuger John Preininger dazu, der Grazer Pianist Dieter Glawischnig, Bassist Ewald Obereitner, der Saxofonist Julean Simon als Gast. Der kinskische Furor von Falk spiegelt sich in der Musik, ein Wühlen in den Wörtern, ein Zerfetzen von Tönen.
Doch dann: "Des is a Prosatext, da is de Musik anders ... Sie hörn scho, dass i a schwere Bronchitis hab ..." Und die Musik wird zart, repetiert melodische Motive am Klavier, über einem warmen Ostinato vom Bass spricht der Autor: "du bist geboren / und ziemlich alt", er wiederholt Zeilen und Strophen, Gunter Falk war Schlagzeuger, es ist zu hören. Kaum glaubhaft, dass die Lesung ohne Proben ablief, sie spielten schon 1980/81 zwei-, dreimal zusammen. "Fangt's ihr an", schnauft er den Neighbours zu und - trunken, aber in vollem Bewusstsein schierer Größe -, zum Publikum gewandt, "wir sind vui zu guat, um zu proben."
Jazz und Lyrik - das hat den Twen-Geruch von Kunstkonglomerat nur schwer ablegen können, diese Verbindung aus aufgesagten Gedichten und atmosphärisch passender Musik. Hier "bleiben sie im Lied". Meint, sie reagieren auf Einwürfe, wechseln die Tempi, bewegen sich in der Stimmung, ohne in Sicherheitsspiel zu verfallen. Wer Dieter Glawischnig - heute Chefdirigent der NDR-Big-Band und Jazzkoryphäe an der Musikhochschule Hamburg - aus seiner langjährigen Zusammenarbeit mit Ernst Jandl kennt (Laut und Luise), wird sich über den seismografisch improvisierenden Pianisten und "Musik- erfinder" nicht wundern.
"Double time ... gemma auf normal time ... bleib drauf, Dieter ... Entschuldigung." Ohne die osmotische Beziehung aus Poesie und Improvisation, die Spielanweisungen von Gunter Falk ist diese Lesung schwer denkbar. Was, stumm gelesen, das Knochengerüst von Sprache sehen lässt, setzt mit der Musik Fleisch an, blutunterlaufen und mit Schnittwunden. Zwei Tage danach, in der Nacht vom 24. auf den 25. Dezember, stirbt Gunter Falk mit 41 Jahren. Es passt, dass er am Ende dieser zwei Stunden sagt: "I würd vorschlagn, wir machn a Pause." Sie hat lange gedauert. Jetzt gibt es ein kluges Buch mit zwei eingelegten CDs. "Dann fang ma mal an!"


Dossier Extra:Gunter Falk
Herausgegeben von Daniela Bartens und Klaus Kastberger; Verlag Droschl, Graz 2000; 284 S., 87,- DM; 2 CDs "Texte und Jazz" mit Gunter Falk und den Neighbours;ISBN 3-85420-544-9



Dieter Glawischnig und NDR-Bigband
"Die dunkle Seite des Würfels" nach Texten von Gunter Falk

Freitag, 10. November 2006, 20:00 Uhr
Orpheum Graz

"Als die Synagogen brannten"

Erhard Koren, Sprecher
Dieter Glawischnig, Leitung und Piano

Thorsten Benkenstein, Trompete
Ingolf Burckhardt, Trompete
Stephan Meinberg, Trompete
Reiner Winterschaden, Trompete
Lutz Büchner, Alt-Saxofon
Gabriel Coburger, Alt-Saxofon
Christof Lauer, Tenor-Saxofon
Frank Delle, Tenor-Saxofon
Björn Berger, Bariton-Saxofon
Dan Gottschall, Posaune
Steve Trop, Posaune
Stefan Lottermann, Posaune
Ingo Lahme, Bassposaune
Pierre Favre, Schlagzeug
Stephan Diez, Gitarre
Lucas Lindholm, Bass
Wolf Kerschek, Marimba
Andreas Schreiber, Violine 

 „Im März dieses Jahres erhielt ich einen Anruf von Heimo Steps, ob es denn nicht endlich Zeit für eine Gesamtausgabe des Werks von Gunter Falk sei. Allerdings, sagte ich, in ein paar Wochen erscheint sie. Durch diese erfreuliche Koinzidenz wurde die 415 Seiten starke Publikation zu einem Programmpunkt von „auszeit"." (Günter Eichberger)
Franz Schuh schrieb: "Falk war ein Intellektueller, nicht nur Literat, sondern auch Soziologe, eine doppelte Begabung, in einem Milieu, das kaum eine einfache erträgt".   Gunter Falk hatte aber auch ausgeprägte Affinitäten zur Musik. Eichberger: „Caruso, McCormack und Elvis Presley schrieben im Gegensatz zu Jim Morrison und Gunter Falk die Texte ihrer Lieder und Arien nicht selber. Sänger sind im wesentlichen Stimmen, mitunter nicht einmal sehr musikalisch. Selbst Falk entfaltete seine volle Stimmkraft erst mit den richtigen Musikern. Zufällig waren das seine Nachbarn". Und: „Die Musik ist ein wichtiger Schlüssel zu Gunter Falks Spieltrieb. Als Jugendlicher war er Schlagzeuger, zeitlebens trommelte er mit den Händen auf seinen Schenkeln oder auf Tischen, Falks Tanzeinlagen waren berüchtigt, und noch zwei Tage vor seinem überraschenden Herztod bestritt der von einer schweren Grippe noch kaum genesene Dichter im Forum Stadtpark eine Leseperformance mit Jazzmusikern - eine Doppel-CD dieses beklemmend-grandiosen Auftritts liegt dem in der Dossier-Reihe des Droschl Verlags erschienenen Falk-Band bei." (Wolfgang Kralicek)
Protagonisten dieses beklemmenden Auftritts am 23. Dezember 1983 im Forum waren neben Gunter Falk seine „Nachbarn", die Neighbours mit Dieter Glawischnig, Ewald Oberleitner und dem auch schon verstorbenen John Preininger.

Dieter Glawischnig, seit 1980 Chefdirigent der NDR Bigband Hamburg, hat Falks Gedichtauswahl „Die dunkle Seite des Würfels" bearbeitet und 1986 als posthume Hommage  im „steirischen herbst" mit dem Orchesterforum uraufgeführt. Für die NDR Bigband hat er sie neu bearbeitet. Dieter Glawischnig , dessen Anliegen die Integration von Texten und Musik ist, wobei das kräftige Medium des Jazz „literarische Botschaften" transportiert, hat mit den „Neighbours" viele Auftritte mit Gunter Falk und Wolfgang Bauer bestritten. Seine jahrzehntelange Zusammenarbeit mit Ernst Jandl hat wunderbare Ergebnisse gezeitigt: Konzerte  mit den NEIGHBOURS und mit CERCLE und die drei großen Orchesterkompositionen (Laut und Luise, Aus der Kürze des Lebens, Jedes Ich nackt) für die NDR Bigband.
Da sich am Tag des Konzerts, dem 10. November, die sogenannte „Reichskristallnacht" jährt, führt Dieter Glawischnig mit der NDR Bigband auch seine 1988 uraufgeführte, von Paul Celan inspirierte Komposition „Als die Synagogen brannten" auf, in der er „den Affekt von Trauer, Klage und Empörung, Affekt im Sinne der Alltagserfahrung als unmittelbare Beeinflussung des Gemütszustandes" zu erreichen versucht.

Ishwara Erhard Koren
, der die Texte von Gunter Falk spricht, war nicht nur mit Gunter Falk befreundet, sondern hat auch in der legendären Uraufführung von Wolfgang Bauers „Gespenstern" 1975 die Gunter Falk nachempfundene Rolle des Robert gespielt. Mit Ishwara Erhard Koren ist ein authentischer Interpret der „Dunklen Seite des Würfels" zu erleben. Ishwara Erhard Koren spielt übrigens derzeit am Grazer Schauspielhaus in Andrzej Stasiuks „Ostmark".

Die NDR Bigband ist ein hochkarätiges Jazzsolistenensemble. Ihre weltweit anerkannte Vielseitigkeit reicht von der Interpretation von Kompositionen von Charles Mingus, Miles Davis oder Duke Ellington, Kurt Weill, Jimi Hendrix oder Frank Zappa bis zu den Jazzcomposern der Gegenwart und eben zu Projekten mit literarischen Vorlagen. Chet Baker, John Scofield und Abdullah Ibrahim etwa gehören zu den Musikern, die Dieter Glawischnig zur Zusammenarbeit mit der NDR Bigband geholt hat.

Literaturhinweise:

Gunter Falk: „lauf wenn du kannst - Alle Texte", Hrsg. Günter Eichberger, Verlag Ritter 2006

Dossier Extra:Gunter Falk
Herausgegeben von Daniela Bartens und Klaus Kastberger; Verlag Droschl, Graz 2000; 284 S., 87,- DM; 2 CDs "Texte und Jazz" mit Gunter Falk und den Neighbours;ISBN 3-85420-544-9

SING DEIN GEDICHT, MORGENLICHT oder GET IT WHILE YOU CAN

Zum Fallen der Würfel von Gunter Falk

von Günter Eichberger

Er war einer der großen Sänger seiner Zeit, kein Zweifel. Auch noch, als er seine Stimme verloren hatte. Und wer ihn einmal gehört hatte, verlor ihn nie mehr aus den Ohren.

Caruso, McCormack und Elvis Presley schrieben im Gegensatz zu Jim Morrison und Gunter Falk die Texte ihrer Lieder und Arien nicht selber. Sänger sind im wesentlichen Stimmen, mitunter nicht einmal sehr musikalisch. Selbst Falk entfaltete seine volle Stimmkraft erst mit den richtigen Musikern. Zufällig waren das seine Nachbarn.

Mit ihnen intonierte er seine unheimlichen Stimmungslieder:

aber sei fröhlich
aber sei frei
wenn du kannst
mit gefesselten händen
händen
und sei dümmlich
und sei treu
wenn du kannst
in deinen sechs
wänden

 Wenn er solche Lieder sang, dann wackelten die Wände, dann rappelte es in den Köpfen, dann tanzten die Verhältnisse engumschlungen miteinander, zersprangen die gewalttätigen Sachzwänge, veränderte sich alles, als würde seine Stimme reine Lysergsäurediäthylamid in die Hirne gießen...

Er aber, der Sänger, verschloß sich nach solchen Vorstellungen in seiner Garderobe, ihn dürstete nicht nach Gesellschaft, er öffnete eine geheime Flasche und schon kam ein Geist heraus, der ihm seinen Wunsch erfüllte,  seine Denkmaschine auszuschalten.

Sodann agierte nur noch sein Körper, der tat, was Körper am liebsten tun: sich mit anderen Körpern vereinigen, andere Körper zuschanden reiten, andere Körper gegen Wände laufen lassen, Köpfe auf den Boden schlagen, Nasenbeine brechen, zuschlagen, zerschlagen, zernichten...

Und wenn der Geist des Sängers Denkmaschine wieder einschaltete und in die Flasche zurückkroch, war da keine Erinnerung, nur ein dumpfes Schuldgefühl, das ihn in Gesänge ausbrechen ließ:

in schlachten
warst du gewinner
dein auge
war eisenklar
dein trachten
und denken aber
ist für immer
einfach nicht wahr

 Der Sänger war bei all seiner Kraft ein Geschlagener, früh gezüchtigt, auf daß es ihm besser ergehe als seinem Erzeuger, und er vergalt es seinem Produzenten durch seine Lieder, seine großen Erfolge, seine Tourneen durch die Konzertsäle und Gaststätten dieser Welt.

Verzweifelt suchte der Sänger nach seinem Spiegelbild, das sein Körper schon vor Jahren zerbrochen hatte, die Scherben hatten ihm das Gesicht zerschnitten, aber seine Stimmbänder verschont, und so sang er sich durch ein Repertoire, das er im Singen erfand:

der mensch lebt doch vom reden
blablabla
denn im reden zeigt er eleganz
blablabla
und wenn deine reden verblöden
blablabla
dann hast du noch einen tanz
blablabla

 Viele Jahreszeiten schon sang er sich die Seele aus dem Leib, bis seine Stimme brach. Entseelt gab er stumm noch seine vielleicht eindrucksvollsten Vorstellungen, stellte sich vor, einer zu sein, der er werden wollte. Immer öfter schaltete der Geist aus der Flasche seine Denkmaschine aus, bis sie zu stottern begann. Aber das ließ seinen inwendigen Gesang noch mächtiger anschwellen:

wie willst
ohne anzubiedern
du sterben
stirb doch
beizeiten
und überlaß
die arbeit
den bombenleuten
: oder nicht
: oder nicht
: oder nicht
: oder nicht


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Kurzbiografie Gunter Falk:

geboren 1942
Studium an der Universität Graz,  Dr. phil. (Soziologie, Philosophie, Biologie).
Von 1969 bis zu seinem Tod Ende 1983 Universitätsassistent am Institut für Soziologie der Universität Graz.
Erste poetische und literaturtheoretische Arbeiten wurden seit 1963 in den manuskripten publiziert. Zu seinen Lebzeiten erschienen die Bücher Der Pfau ist ein stolzes Tier (1965), Die Würfel in manchen Sätzen (Ed. K. Ramm 1977) und Die dunkle Seite des Würfels (Ed. K. Ramm 1983).
2000 erschien ein Dossier-Band zu Gunter Falk im Droschl-Verlag (Hg. D. Bartens/K. Kastberger).
2006 Lauf wenn du kannst (Die dunkle Seite des Würfels - Alle Texte 1977 - 1983) herausgegeben von Günter Eichberger
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weiterführende Links:

Günter Eichberger: Trilogie der Toten
Dieter Glawischnig & NDR Bigband


Bilder von der Veranstaltung




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