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Trilogie der Toten - Wolfgang Bauer - Gunter Falk - Helmut Eisendle
von Günter Eichberger

Kurzbiografie Günter Eichberger

Günter Eichberger, geboren 1959 in Oberzeiring (Steiermark), lebt als freier Schriftsteller in Graz. Studium der Germanistik und Anglistik, 1984 Promotion.

Bisher erschienene Bücher:

1988 Der Wolkenpfleger, Salzburg;
1990 Gemischter Chor, Salzburg;
1994 Doppelgänger des Verwandlungskünstlers, Graz;
1996 Ich Fabelwesen, Graz;
1998 Vom Heimweh des Seßhaften, Graz;
1999 Gesicht aus Sand;
2001 Überall im All derselbe Alltag;
2006 Nein;
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Günter Eichberger
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Günter Eichberger



WOLFGANG BAUER


ALS KÖNNTEN WIR IHN VERSTEHEN

Man weiß nicht recht, wer er ist: ein Gegenwelt-Spion, ein verwundbarer Drachentöter, ein Orpheus mit Megaphon, ein fraktaler Systemhasardeur...
Nicht heimisch im Alltag, lebt er als Doppelgänger unter seinem richtigen Namen in Amerika, er zieht die Kunst am Ohr, im Traum regiert er uns alle, er war es, der den Alkohol so richtig populär gemacht hat, der Grazer Uhrturm richtet sich nach seiner Roulette-Armbanduhr, er läßt die Weltkugel rotieren, daß einem Hören und Sehen vergeht, dann setzt er auf die Sieben, auf die gefesselte Poesie, alles scheint möglich, aber nichts geht mehr, in einer doppelten Bewegung geht er aus sich heraus in sich hinein, er liebt die Furien, die an ihm nagen, Bier ist immer noch die gefährlichste Waffe, er unterhält sich blendend mit seinen Geistern und hält sie in Schach, er hat die Welt schon oft vor dem sicheren Untergang gerettet, dabei hat er einiges schlucken müssen, aber letztendlich ist immer alles gut ausgegangen, so daß wir gar nichts von der Gefahr bemerkt haben, die uns drohte, wir mit unserem Pythonblick, er mit seinen Periskopaugen...
Er brennt Löcher in die dünne Membran zwischen Welt und Gegenwelt, von seinen Reisen kehren andere nicht mehr zurück, vielleicht gibt es ihn ebensowenig wie uns, möglicherweise ist er auch nur eine lebensechte Erfindung, aber dann trommelt er auf den Tisch und wischt jeden Zweifel an seiner Existenz wie Bierschaum weg, er hat schließlich Miles Davis auf seiner Seite, der uns schon seit Stunden ins Ohr trompetet, auch gibt es ja noch so viel zu trinken auf dieser Welt, steirischen Whiskey, frisches Blut und schwarzen Regen, zwischendurch empfängt er Saddam Hussein und gibt ihm kostenlos Ratschläge, an nebligen Herbsttagen steht er für gewöhnlich im Stadtpark und läßt ahnungslose Passanten einen Blick in seinen offenen Schädel tun...Er ist kein Illusionist, er arbeitet mit Wirklichkeiten, ohne Netz, aber mit dreifachem Boden, seine Salti führen ins Nichts, aber er katapultiert sich wieder zurück und hat viel zu erzählen, er schnippt mit den Fingern, und schon gehen auf der Bühne die Lichter an, ein Mensch scheint sich zu bilden, Gesichtszüge werden skizziert, er erschafft seine Figuren gern nach seinem Ebenbild, führt sie jedoch nicht lang an seiner Nabelschnur herum...
Wenn er will, steht die Zeit still, dann nimmt er Gedichtgestalt an, dann ist uns, als könnten wir ihn verstehen...


11.03.02
Lieber Wolfi,
eine Anthologie mit „Grazer Gemeinschafts- und Verlegenheitstexten“, die ich 2003 in der Edition Kürbis herausgebe, würde ich gerne mit beiliegendem Dreizeiler von Gunter Falk und Dir eröffnen. (Möglichst im Faksimile.)
Weiters habe ich ein paar Faxgedichte von Dir ausgesucht, die ich schon einmal im „Flaneur“ zitiert habe. Vor allem die Bauer-Heineschen Politgedichte finde ich sehr schön. Ich frage Dich in aller Form, ob Du diese Gelegenheitstexte zur Veröffentlichung freigeben möchtest. Oder welche davon.
In diese Anthologie mit Spontanpoesie, die so „gut“ oder „schlecht“ ist wie der Moment, würden Deine Beiträge sehr gut passen. Ich weiß nicht, ob Dir MG Wanko schon von dem Projekt erzählt hat. Bei den Sitzungen der steirischen GAV im Braun de Praun wird schon seit einem Jahr gemeinsam gedichtet. Dabei entsteht ausschließlich Unvergängliches. (Kostproben gehen Dir auf Wunsch kostenlos zu...)
Ich, der als Hypochonder über Krankheiten einerseits gerne, im Ernstfall aber lieber gar nicht spricht, wünsche Dir auf diesem Wege gute Besserung.
Ich hoffe auf positive Nachricht. Bitte gereimt!
Liebe Grüße 


30.06.2006
Lieber Wolfi, 
unsere Korrespondenz war betont unernst. Und so haben wir eigentlich nie über das gesprochen/geschrieben, worüber wir eigentlich hätten sprechen sollen. Und deshalb war es auch recht/richtig so.
Die Anthologie, auf die ich mich in meinem Schreiben vom 11.03.02 beziehe, ist nie erschienen. Aber es ist ein Glücksfall, daß dieses nie realisierte Projekt Dir die Möglichkeit gegegeben hat, eine autorisierte Auswahl aus einem Konvolut von Gelegenheitsgedichten zu treffen. Es gibt nämlich Texte, die Du nicht veröffentlicht sehen wolltest. Darunter eines mit Schmähungen lebender Volksvertreter. Dazu hast Du mir am Telefon gesagt, das Gedicht sei mißverständlich, wobei Du womöglich gemeint hast, es sei nur allzu verständlich.
Die „Imaginäre Akademie“ ist wahrscheinlich das ideale Podium für diesen Briefwechsel, weil sie mehr imaginär als akademisch ist...Oder was meinst Du? 
Liebe Grüße



ABGEBROCHENE KORRESPONDENZ

Lieber Wolfi,

warum bekomme ich keine Karte, kein Fax mehr von Dir?
Du sitzt jetzt vielleicht auf einer netten Wiese und liest diesen Brief; schau her, nichts ist gleichgültig, es gilt nichts gleich, fast nichts ist schön, die Kunst und das Ficken ausgenommen, ansonsten müsste man sich fast zum Sterben entschließen, aber Du weißt ja, dass wir niemals sterben werden, wir werden immer da sein, in irgendeiner Form, wir werden immer trinken und tanzen, wie damals, erinnerst Du Dich?, im Theatercafé, Du erinnerst Dich nicht, okay, ich erzähl´s Dir, dann kannst Du´s besser vergessen:
Auf irgendeine Frage, Deine Arbeit betreffend, hast Du mich 1979 zum Tanzen aufgefordert, das war Deine Antwort, die beste, die ich jemals erhalten habe.
Und, weil wir schon dabei sind, was Du mir übers Geld erzählt hast, damals nach dem Kino, wo wir „Shining“ gesehen haben, ratlos rausgekommen sind, heute verstehe ich den Film vielleicht zu gut, aber das ist eine andere Geschichte, nämlich keine, ich weiß jetzt nicht, worauf ich hinaus will….
Ja, das Geld, das verdammte Geld sei wertlos, hast Du zu mir gesagt, das war Dein schlimmster Tabubruch, Du hast damals ja noch als Bürgerschreck gegolten, obwohl Du ja niemanden, schon gar keinen Bürger erschrecken wolltest, Du wolltest einfach…aber was soll ich Dir erklären, was du gewollt hast, Wolfi?
Und Du bist als schüchterner, freundlicher Mensch im Wohnzimmer meiner Eltern gesessen, um dann später ohne Honorar in einem Judenburger Wirtshaus zu lesen, und Du hast für mich gelesen, das war klar, und wir haben dann hinterher Lokalrunden geschmissen, letztlich hat die ganze Aktion die Stadtgemeinde eine astronomisch hohe Spesenrechnung gekostet, so war das, und es war toll…
Du hattest „Memory Holtel“ mit, das geradefertige Manuskript, eingewickelt in das Gedicht „Schmutziges Wasser“, Ilonka, Deine Freundin, hatte dunkle Brillen auf, die sie später abgenommen hat, um ihre bewusstseinserweiterten Augen zu zeigen, schön war sie, ganz Judenburg erstrahlte in ihrem Glanz, niemand hat Dich erkannt, als wir durch die Gassen gingen, in Graz war das ja anders, da hat Dir damals im „Lückl“ ein junger Mann einen Schilling in Deine Suppe geworfen: „Das hast Du für Dein Magic Afternoon…“ hat er gesagt, der Tepp, worauf Du einfach den Teller zur Seite geschoben hast, „diese Suppe esse ich nicht mehr“, hast Du gesagt…
Wolfi, warum erzähle ich Dir das? Weil ich´s mir selber erzähle, will ich so traurig bin, weil ich…ich weiß nicht…Und dann hast Du in Schladming Heidi kennengelernt, die ganz in der Nähe von Judenburg aufgewachsen ist, und ich habe verschiedentlich ihren damaligen Ehemann angerufen, auf Deinen Wunsch, und den Hörer an Dich übergeben, damit er nicht merkt, dass ihr…
Und es hat ja auch gehalten, wie auch immer, bis zum Schluß. Und Du glaubst ja nicht an die Liebe, aber die Liebe hat an Dich geglaubt, das ist die Hauptsache, denke ich, das ist die Hauptsache…
Manchmal fürchte ich, Du hast mich vergessen. Früher hast du mir noch Karten geschrieben, aus Amerika, aus Mexiko, aus Obdach, später dann Faxe, Gedichte, die Oberstudienräte als Geblödel abtun, aber die können ja selber nichts, nicht einmal unterrichten, geschweige dichten…
Und das Leben, na ja, die Welt, wobei ich gar nicht verstehe, was wirklich mit „Welt“ gemeint ist, irgendwann bricht der Kontakt halt ab, vermutlich eine technische Angelegenheit, vielleicht funktioniert mein Fax nicht richtig…Warum schreibst Du mir nicht mehr so was wie: 

Schiller und Goethe
Trinken Beck´s Bier
Erst zur Morgenröthe
Und so lieben sie Shakespeare 

Eichberger und Bauer
Dürfen kaum trinken
Den letzten Satz hast du durchgestrichen. Weil wir ja noch dürfen. Und fortgesetzt:
Sind bei der Unesco
Liegend auf der Lauer
Nach Eugéne Ionesco 

Handke und Roth
Essen Soletti
Bald sind sie tot
Wie Elias Canetti 

Über die Grünen haben wir gestritten. Du hast ja immer noch die Roten gewählt, außer im Land, da hast Du Krainer gewählt, und ich habe Dir meine Familiengeschichte erzählt, eine schreckliche Geschichte aus Widerstand und Tod, aber auf Deine Art bist Du ja selber im Widerstand, Wolfi, vor allem weil Du das gar nicht willst…
Ich wünsche mir von Dir, dass Du mir wieder Sätze sagst wie: Literatur braucht Wärme. Oder: Wenn´s mir einmal nicht mehr gefällt, was Du schreibst, dann ist´s wirklich gut..
Und das hab ich erreicht. Ziemlich bald hast Du mit dem, was ich geschrieben habe, nichts mehr anfangen können. Und das war dann mein Anfang. Trotzdem haben wir immer etwas anfangen können mit uns – oder nicht? Warum Dein Schweigen?
Du antwortest nicht. Gut, das ist auch eine Antwort.Und froh bin ich, dass ich Dir gesagt habe, wie großartig Dein Stück Foyer ist. Und Du hast geantwortet: „Ich bin froh, dass ich´s noch geschafft habe.“ Und Du hast viel geschafft.
Und über Deine Krankheit wollte ich nicht mit Dir sprechen, habe ich zu Dir gesagt. Mit Hypochondern über Herzleiden zu sprechen führt vermutlich zum Infarkt.
Schnellempfinder hast Du Dichter genannt. Als ziemlich allein empfinde ich mich manchmal, dann wieder nicht. 

Alles Liebe
Dein Eichi

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Wolfgang Bauer
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Wolfgang Bauer



WOLFGANG BAUER - GÜNTER EICHBERGER
FAX-KORRESPONDENZ

Umkehr
 

Der Biederstand macht Widerstand,
Justizminister in Psychose
scheißt ja gerne in die Hose
in Franz Schuberts Liederland. 

Die Künstler reden affektiert ihr Blech
Gespeist aus vermoderten Akten
sie fühlen sich modisch und frech
realistisch mit alten Fakten. 

Die Blechtrommel weckt die Gestrigen
Aus Träumen von Mammon und Pop
und macht aus ihnen die Lästigen:
die verwandeln den Mob zum Flop.                                                         

Heinrich Heine




Umkehr
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Umkehr



Wolfgang Bauer 

Wozu soll der Mensch immer lernen ?
Noch womöglich aus der Geschichte!
Mach er Gedichte -
Und kann sich aus allem entfernen.


Wolfgang Bauer
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Wolfgang Bauer



Eichi shak`s Bier. 

G. Falk/W.Bauer 1969:
Der Neger mit dem Kumpeltrumm
Rumpelt in der Fummel rum,
Yeah, Yeah, Yeah !
(Handküsse an Deine Co-Autorin)


Eichi shak´s Bier
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Eichi shak´s Bier



Heinrich Heine ging alleine
ins Annenhofkino
„Ach, die Gebeine !“, rief er,
gebt mir Vino, Vino.
 

Einige Grazer Kenner
schickten Heinrich nach Vienna
Er hatt`rot Haar wie`n Penner
Er färbte sich mit Henna. 

In Wien soff er ein bissel
und fickte eine Hur,
er nannte sie „Dollfuß-Schüssel“
und trank seinen Obstler pur. 

Retour zurück nach St. Peter
Zu Fuß bei Wind und Wetter
Marschierten Heines Gebeine
In Erwartung steirischer Weine !                                       

H.H.




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W. Bauer, G. Eichberger
Fax – Korrespondenz
30.04.01, 13.59 – 14.30 

Hast Scheckbier
Du ein Fax bei dir ?
Oder nur Frodls Hexler ?
Nicht mit Shakespeare verwechseln !




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Günter Eichberger für Wolfi 

Ich verwechsle mich ständig mit mir/ auch ohne Bier/
stur wie ich bin/ in meinem Sinn/
der Wahn negiert/ von Shakespeare  weiß ich nichts/
Der ist doch so weit mir bekannt/ noch nicht geboren/
schwarz-blau hinter den Ohren.
G.E.



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Wolfgang Bauer für Eichi, 

Auch ohne Bier
Bist du ein Riesen-Stier
Grün geboren
mit Apparat hinter beiden Ohren.



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LIEBES GEDICHT
für. W.B. 

Soll ich dich einem Märzwind vergleichen ?
Stürmischer bist du als eine Windhose
Tost uns durch Hirn
Wie eine grause Birn



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W.B.

Schlick ist um 15.45 beim SPAR !!



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Kurzbiografie Wolfgang Bauer:

geboren 1941; gestorben 2005; lebte in Graz

Werke:
Der Schweinetransport; Microdramen; Maler und Farbe; Babyscape 17-26; Katharina Doppelkopf; Pfnacht; Macic afternoon; Change; Film und Frau; Silvester oder das Massaker im Hotel Sacher;Party for six; Gespenster; Die Menschenfresser; Magnetküsse; Memory Hotel; "Woher kommen wir? Was sind wir? Wohin gehen wir?"; Das kurze Leben der Schneewolken; Ein fröhlicher Morgen beim Friseur; Herr Faust spielt Roulette; Das Lächeln des Brian DePalma; Insalata mista; Ach, armer Orpheus!; Die Kantine; Capriccio á la Habsburg; Menschenfabrik; Skizzenbuch;Tamagotchi; Foyer
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GUNTER FALK



SING DEIN GEDICHT, MORGENLICHT oder GET IT WHILE YOU CAN

Zum Fallen der Würfel von Gunter Falk

von Günter Eichberger


Er war einer der großen Sänger seiner Zeit, kein Zweifel. Auch noch, als er seine Stimme verloren hatte. Und wer ihn einmal gehört hatte, verlor ihn nie mehr aus den Ohren.

Caruso, McCormack und Elvis Presley schrieben im Gegensatz zu Jim Morrison und Gunter Falk die Texte ihrer Lieder und Arien nicht selber. Sänger sind im wesentlichen Stimmen, mitunter nicht einmal sehr musikalisch. Selbst Falk entfaltete seine volle Stimmkraft erst mit den richtigen Musikern. Zufällig waren das seine Nachbarn.

Mit ihnen intonierte er seine unheimlichen Stimmungslieder:

aber sei fröhlich
aber sei frei
wenn du kannst
mit gefesselten händen
händen
und sei dümmlich
und sei treu
wenn du kannst
in deinen sechs
wänden

 Wenn er solche Lieder sang, dann wackelten die Wände, dann rappelte es in den Köpfen, dann tanzten die Verhältnisse engumschlungen miteinander, zersprangen die gewalttätigen Sachzwänge, veränderte sich alles, als würde seine Stimme reine Lysergsäurediäthylamid in die Hirne gießen...

Er aber, der Sänger, verschloß sich nach solchen Vorstellungen in seiner Garderobe, ihn dürstete nicht nach Gesellschaft, er öffnete eine geheime Flasche und schon kam ein Geist heraus, der ihm seinen Wunsch erfüllte,  seine Denkmaschine auszuschalten.

Sodann agierte nur noch sein Körper, der tat, was Körper am liebsten tun: sich mit anderen Körpern vereinigen, andere Körper zuschanden reiten, andere Körper gegen Wände laufen lassen, Köpfe auf den Boden schlagen, Nasenbeine brechen, zuschlagen, zerschlagen, zernichten...

Und wenn der Geist des Sängers Denkmaschine wieder einschaltete und in die Flasche zurückkroch, war da keine Erinnerung, nur ein dumpfes Schuldgefühl, das ihn in Gesänge ausbrechen ließ:

in schlachten
warst du gewinner
dein auge
war eisenklar
dein trachten
und denken aber
ist für immer
einfach nicht wahr

 Der Sänger war bei all seiner Kraft ein Geschlagener, früh gezüchtigt, auf daß es ihm besser ergehe als seinem Erzeuger, und er vergalt es seinem Produzenten durch seine Lieder, seine großen Erfolge, seine Tourneen durch die Konzertsäle und Gaststätten dieser Welt.

Verzweifelt suchte der Sänger nach seinem Spiegelbild, das sein Körper schon vor Jahren zerbrochen hatte, die Scherben hatten ihm das Gesicht zerschnitten, aber seine Stimmbänder verschont, und so sang er sich durch ein Repertoire, das er im Singen erfand:

der mensch lebt doch vom reden
blablabla
denn im reden zeigt er eleganz
blablabla
und wenn deine reden verblöden
blablabla
dann hast du noch einen tanz
blablabla

 Viele Jahreszeiten schon sang er sich die Seele aus dem Leib, bis seine Stimme brach. Entseelt gab er stumm noch seine vielleicht eindrucksvollsten Vorstellungen, stellte sich vor, einer zu sein, der er werden wollte. Immer öfter schaltete der Geist aus der Flasche seine Denkmaschine aus, bis sie zu stottern begann. Aber das ließ seinen inwendigen Gesang noch mächtiger anschwellen:

wie willst
ohne anzubiedern
du sterben
stirb doch
beizeiten
und überlaß
die arbeit
den bombenleuten
: oder nicht
: oder nicht
: oder nicht
: oder nicht


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Kurzbiografie Gunter Falk:

geboren 1942
Studium an der Universität Graz,  Dr. phil. (Soziologie, Philosophie, Biologie).
Von 1969 bis zu seinem Tod Ende 1983 Universitätsassistent am Institut für Soziologie der Universität Graz.
Erste poetische und literaturtheoretische Arbeiten wurden seit 1963 in den manuskripten publiziert. Zu seinen Lebzeiten erschienen die Bücher Der Pfau ist ein stolzes Tier (1965), Die Würfel in manchen Sätzen (Ed. K. Ramm 1977) und Die dunkle Seite des Würfels (Ed. K. Ramm 1983).
2000 erschien ein Dossier-Band zu Gunter Falk im Droschl-Verlag (Hg. D. Bartens/K. Kastberger).
2006 Lauf wenn du kannst (Die dunkle Seite des Würfels - Alle Texte 1977 - 1983) herausgegeben von Günter Eichberger
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Gunter Falk
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Gunter Falk






HELMUT EISENDLE


DIE PATHOLOGISCHEN MÖGLICHKEITEN DES DENKENS

Helmut Eisendles Hut

Der Anfang eines Textes ist das Ende einer Erinnerung.
Einen Haufen ungeordneter Gedanken in eine lose Abfolge bringen.Das Leben außerhalb der Sprache ist ein anderes. Das wirkliche Schauspiel hat mit dem, was man schreibt, nichts zu tun. Alles bleibt in der Sprache, hoffnungslos im Wort, an den pathologischen Möglichkeiten des Denkens hängen.

 Ich konnte nie über ihn schreiben. Indem ich es wieder versuche, bestätige ich mir diese Unmöglichkeit. Es muß an seinen Sätzen liegen, die wie Verbotsschilder die Einbahnstraße meines Denkens säumen. Vielleicht sollte ich stattdessen ein Musikstück hören. Nino Rota, Billie Holiday, John Coltrane. Musikstücke, die eine künstliche Beziehung zur Außenwelt ergeben. Wieder ragt so ein Satz hinein. Ob es möglich wäre, ohne einen seiner Sätze von ihm zu erzählen? Wenn es wahr ist, daß nicht unsere Worte, sondern unsere Taten für uns sprechen, müßte ich jetzt nicht sprechen, sondern handeln.
Aber da ist nichts, was zur Tat drängt.
Längere Zeit tief versunken dasitzen. Mit einem Kopf voller Erinnerungen. Aber nichts davon weitergeben.Meine Erinnerungen mit niemandem teilen. Keine mündliche Überlieferung. Um zu gewährleisten, daß die Erinnerungen verschwinden. Dem Vergessen Vorschub leisten. Als wäre alles ungeschehen. Kein Wort über Tote. Sie behandeln, als hätte es sie nie gegeben.
Keine Namen. Wer stirbt, gibt seinen Namen zurück.
Vielleicht höre ich wirklich lieber Musik.
Now that the living outnumber the dead.Here come the quick. There go the dead.
Here they come. Bright red.
Speak my language. 

Kein Wort über diesen Abend, eingebrannt in die Hirnrinde. Den Geschehnissen ihre Flüchtigkeit lassen. Als eine Art Ehrung. Es ist etwas geschehen. Es gibt keine Belege für das Geschehene. Es ist nichts geschehen. So ist das.Die Sätze durch Wiederholung auslöschen.
Hier wird nicht erinnert, hier wird vergessen.
Sein Problem sei seine Aggressivität, vertraut er mir an, nachdem er eine Tür mit seinem Taschenmesser geöffnet hat. Wir streichen das. Wir streichen diese Andeutung einer Vertraulichkeit. Er hat vielleicht anderes gesagt. Wir sagen immer anderes, als uns nachgesagt wird. Und was wir meinen, steht wieder auf einem anderen Blatt.
Den Zweifel aber nicht überstrapazieren. Sonst beginnt der Zweifel an sich zu glauben.
Unzweifelhaft hat er an jenem Abend, den wir nicht in der Abfolge seiner Ereignisse beschreiben wollen, einen vollen Aschenbecher am Tisch zertrümmert. Wobei er behauptete, in seiner eigenen Welt zu leben. Ob nun zwischen dieser Aussage und seiner Handlung eine Verbindung besteht, bleibt fraglich.
Dieser Ausschnitt ließe sich vergrößern. Wir sehen von atmosphärischen Beigaben ab.
Indem wir diese Einzelheit herausgegriffen haben, verleihen wir ihr Bedeutung. Als würde im Brennpunkt dieses Teilchens die ganze Person geisterhaft sichtbar.  
Er, der so viele Sätze anderer in seine eigenen mischte, ist wahrscheinlich eher in den fremden Sätzen enthalten. Sofern man in Sätzen enthalten sein kann.
Und so spricht oder schweigt er in diesen Sätzen mit. Wende ich mich gegen Beschreibungen, schwingt seine Beschreibungsabneigung mit. Indem er nicht beschrieben wird, beginnt er als Leerstelle zu erscheinen, mit dem Glanz der Abwesenheit.Er konnte seinen Hut mit der Eleganz eines Westernhelden auf den Kleiderständer werfen. Und dieses Kunststück jederzeit wiederholen.
Nachspielen. Alles, woran man sich erinnert, nachspielen.
Er sollte sein eben erschienenes Buch „Das Verbot ist der Motor der Lust“ vorstellen, wozu er aber offensichtlich wenig Lust hatte. Statt zu lesen, redete er, fragte das Publikum, was es denn erwartet habe, schließlich sei er ja kein Entertainer, und erkundigte sich, ob vielleicht ein Polizist anwesend sei. „Wenn Sie zu schreiben beginnen, beginne ich zu lesen!“ Dann kündigte er an, er werde auf der Stelle ein Gedicht schreiben, machte seine Drohung aber nicht wahr, sondern ließ sich von den Zuhörern Zahlen zurufen und las die entsprechenden Seiten aus seinem Buch vor, hörte jeweils mitten im Satz (oder im Wort) auf, wenn die Seite zu Ende war.
Eine Seite aufschlagen. Aber da sind ja nur Sätze!
Was hast du erwartet?
Wenn ich ein Buch aufschlage, hoffe ich, daß da einmal etwas anderes sein wird als ein Satz.
Was sollte das sein?
Das eben weiß ich nicht.
Wenn ich die Augen aufschlage, hoffe ich, daß da etwas anderes sein wird als die Welt.
Vielleicht wendet sich jeder Satz, der sich zu sprechen lohnt, gegen das Bestehende. Das Sprechen ist eine Abwehrbewegung.In seinem Buch „Exil oder Der braune Salon“ unterhalten sich die Figuren über ein Buch mit ebendiesem Titel:Diese vier Personen sind völlig unwirklich, es sind gleichsam vier Sprachsysteme, die sich überschneiden. Nichts geschieht, keine Handlung, keine Entwicklung, es wird geredet, geredet, erzählt ohne Sinn und Ziel. In dem Moment, wo die Figuren schweigen, gibt es sie nicht mehr. Die Personen haben keine Geschichte, man erfährt nichts Persönliches über sie, sie sprechen; die Wirklichkeit geht an ihnen vorbei.
Da drüben geht die Wirklichkeit vorbei.
Ja, sie sieht aus wie ein Wort.
Nein, wie eine zähe Masse, ein Konglomerat möglicher Wahrnehmungen.
Genau. Nichts anderes habe ich gesagt. Und so bildet die Sprache sehr präzise Sprache ab.
Das führt zu nichts. In diese Richtung müssen wir uns fortbewegen.
Entweder sind Behauptungen wahr, weil sie mit Tatsachen übereinstimmen, oder sie stimmen mit Tatsachen überein, weil sie wahr sind.
Aber werden die Tatsachen nicht durch die Wahrnehmung geschaffen?
Nein, sie bestehen unabhängig davon.
Warum lächelt Mona Lisa? Oder lächelt sie gar nicht?
Sprich meine Sprache.
Tatsachen. Beschreibungen. 
Nun, da die Lebenden die Toten an Zahl übertreffen.
Immer einer von vielen, ob tot oder lebendig.
Da gehen die Toten, da kommen sie wieder.
Sprich meine Sprache.




Helmut Eisendle
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Helmut Eisendle




Kultur Steiermark