Hans Koren Gedenkjahr 2006


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Mythos mit Wetterfleck
Helmut Bast

   BEDENKJAHR Hanns Koren wäre heuer hundert Jahre alt geworden. Mit dem eigens ausgerufenen "Hanns Koren Bedenkjahr" wird der bedeutendste Kulturpolitiker der Steiermark vor allem als Modernisierer gewürdigt. Dabei weist die Person Hanns Koren auch andere Facetten auf, die einige Kratzer am Mythenglanz hinterlassen.


   Im Dezember 1975 gab Hanns Koren einen großen Auftritt im Grazer Landtag. Anlass war die Uraufführung von Wolfgang Bauers Stück "Die Gespenster" beim steirischen herbst, bei der die Darstellung des zerstörerischen Spiels junger Leute einen Skandal auslöste. Sogar die Abschaffung des Avantgardefestivals wurde gefordert. In der Landtagssitzung kam es zu einer heftigen Auseinandersetzung. Als auch ein ÖVP-Abgeordneter gegen das Festival wetterte, trat Hanns Koren ans Rednerpult und hielt eine denkwürdige Brandrede für die avancierte Kunst. Er erklärte sich durchaus nicht einverstanden mit dem, was Bauer auf provokante Weise dargestellt hatte, aber die Zeiten der Zensur seien vorbei. "Was auf der Bühne geschieht, ist nicht Wirklichkeit, sondern die Darstellung von Wirklichkeit", klärte er die Politkollegen auf. Damals war das noch nicht selbstverständlich. Der steirische herbst wurde schließlich, auch dank des Engagements von Koren, nicht abgeschafft, und Koren festigte ein weiteres Mal seinen Ruf als vehementer Verteidiger der Avantgarde.


   Heute noch gilt Hanns Koren als jener Mann, dem das Kulturland Steiermark die Öffnung zur Moderne zu verdanken hat. Er war es, auf dessen Initiative hin die Kunst-und Kulturszene prägende Einrichtungen wie der steirische herbst, die Trigon-Ausstellungen, das Forum Stadtpark, die Steirische Akademie, die Landesausstellungen oder auch das Freilichtmuseum Stübing ins Leben gerufen wurden. Ohne den ÖVP-Kulturlandesrat (von 1957 bis 1970) und Landtagspräsidenten (von 1970 bis 1983) wären diese Initiativen und Institutionen nicht denkbar gewesen. So unterstützte Koren Ende der Fünfzigerjahre gegen heftigen Widerstand die experimentierfreudige Gruppe um Günther Waldorf bei der Anmietung des alten Stadtpark-Cafés, das ab 1960 als Forum Stadtpark zum internationalen Aushängeschild für neue Kunst wurde. Ähnlich initiativ wirkte Koren bei der Gründung des steirischen herbstes, der aus den Grazer Sommerspielen, Trigon und dem Literatursymposion hervorging.


   Selbst für die politische Konkurrenz stehen die Leistungen Korens heute außer Streit. Für die ÖVP hat er ohnehin eine jahrzehntelange Hegemonie im Kulturbereich mitbegründet. Aber auch Kulturlandesrat Kurt Flecker (SPÖ) staunt noch über Korens "Verwurzelung und Liberalität" und würdigt ihn als einen "der Großen", der den Mut hatte "Altes aufzubrechen, um neue Entwicklungen geschehen zu lassen, nicht aus Geschmack, sondern aus Prinzip".


   Am 20. November 2006 wäre Hanns Koren hundert Jahre alt geworden. Also tritt das Land Steiermark auch unter geänderten politischen Vorzeichen auf den Plan und initiiert "auszeit – Hanns Koren Bedenkjahr 2006" (Programm siehe Kasten). Der 1985 verstorbene korpulente Mann mit Schnauzbart, vierrandiger Hornbrille und Wetterfleck ist längst Legende und dabei zu einer Mythengestalt des Aufbruchs in den Sechzigerjahren erstarrt, über die es bis heute keine wissenschaftlich fundierte Biografie gibt. Dabei finden sich unter der Ikone des Brückenbauers mit dem Steirerhut so manche Widersprüche.


   Der Historiker Hans-Dieter Binder vom Grazer Institut für Geschichte sieht die Person Hanns Koren sehr ambivalent: Geprägt vom katholisch-nationalen Milieu, dem er entstammte und zu dem er sich als "Konservativer" stets bekannte, habe er die sich anbahnenden Veränderungen antizipiert und sei so zum "Schutzschild der Moderne" geworden, vor allem in seiner Partei, der ÖVP. Einerseits war er Frontmann des steirischen herbstes, auf der anderen Seite war er bemüht, mit dem Alten nicht zu brechen. Diese Offenheit für moderne Ansätze erleichterte aber auch den Umgang mit dem Erbe des Nationalsozialismus. Da fiel es nicht so auf, wenn man neben all den Wohltaten für die Moderne auch noch Verständnis für das "Milieu" der Ehemaligen aufbrachte. "Es handelte sich um eine Instrumentalisierung. Der Brückenbauer garantierte, dass es rechts von der ÖVP nichts mehr gibt", analysiert Binder. Erst später, in den Siebzigerjahren, habe Koren mit den reaktionären Vertretern seiner Partei gebrochen. Auch aufgrund der Heftigkeit der Angriffe, die ihn sehr verletzt hätten, vermutet Hans-Dieter Binder.


   "auszeit" spart, sieht man die Projektliste durch, jedenfalls ein Moment in Korens kulturpolitischer Arbeit vollends aus, und zwar jenes, das der Historiker Binder die "Amalgamierung" von NS-Opfern und NS-Tätern nennt: Die Opfer des sozialdemokratischen, des kommunistischen und des nationalsozialistischen Lagers seien gleichgemacht worden. Etwa in einer Koren -Rede aus den früher Sechzigerjahren, in der er von seiner eigenen Generation erzählt, "die zwei Weltkriege und zwei Bürgerkriege mitgemacht hat und die weiß, dass es endlich genug ist mit einer Zeit, in der man sich innerhalb eines Landes und eines Volkes immer wieder nur eingesperrt hat, sich bekriegt und befehdet hat bis zum Kampf mit der Waffe in der Hand". Da wird nichts angerührt, was "Wunden" aufreißen könnte, die Vergangenheit sollte ruhen. Dabei war Koren, der den Nazifunktionären als "sattsam bekannter Vertreter einer gläubigen Wissenschaft" galt, im Juni 1939 aufgrund seiner Weltanschauung selbst Opfer geworden, als Kustos des Volkskundemuseums abgesetzt und mit Publikationsverbot bestraft worden. 1940 wurde er an die Ostfront geschickt, von der er 1944 nach einer Krankheit heimkehrte.


   Hanns Korens Rolle als "Brückenbauer" resultierte auch aus seinem starken "Harmoniebedürfnis", glaubt Helmut Eberhart vom Grazer Institut für Volkskunde und Kulturanthropologie. So schien es für ihn leichter, die Vergangenheit zu begraben, indem man sie verdrängt, um Streit aus dem Weg zu gehen. " Koren war im Umgang mit ,Ehemaligen' vielleicht auch naiv, verschaffte ihnen aber so die Möglichkeit, wieder Fuß zu fassen. So auch, als er noch Anfang der Siebzigerjahre Karl Haiding, einen deklarierten Nationalsozialisten, zum Honorarprofessor am Volkskundeinstitut machte. Das zeigt viel von Korens Art, mit der Vergangenheit umzugehen." Es gibt zahlreiche Beispiele einer eigenartigen Versöhnung mit den "Ehemaligen". Etwa in seiner Unterstützung des Kloepfer-Kults in den Fünfzigerjahren. Der "Mundartdichter" Hans Kloepfer gilt der historischen Forschung als "Wegbereiter des Nationalsozialismus in der Weststeiermark" (Binder), dem die sozialdemokratisch dominierte Stadt Köflach 1958 sogar ein Denkmal setzte. Lobredner bei der Denkmalsetzung: Hanns Koren.


   Korens Verhältnis zu "Ehemaligen", wie sehr sie auch in das NS-System verstrickt waren, scheint ungetrübt gewesen zu sein. Etwa zu Max Mell, den die Berliner Reichschrifttumskammer 1938 als "repräsentativsten Dichter der Ostmark" bezeichnete, der sich "in der illegalen Zeit auch auf berufsständischem Gebiet Verdienste erworben" habe. 1962, anlässlich einer Lesung Mells, würdigte Koren diesen Dichter des "steirischen Lobgesangs", dessen "Wegweisung und den Trost". Dass sich in den Sechzigerjahren ein fundamentaler Wandel abzuzeichnen begann, dürfte Koren auch anhand eines Ereignisses im Jahr 1963 bewusst geworden sein. Im selben Jahr, in dem Koren die grenzüberschreitende und in die Zukunft weisende Trigon-Ausstellung initiiert hatte, die als Dreiländerbiennale Künstler aus Italien, Jugoslawien und Österreich in Graz versammelte, kam es zum Eklat, als auf Korens Vorschlag der größte steirische Literaturpreis, der Peter-Rosegger-Preis, an den vormaligen Gaukulturhauptstellenleiter Josef Papesch verliehen wurde.


   Auch der Wissenschaftler Hanns Koren, er wurde 1949 als Nachfolger von Viktor von Geramb Professor am Institut für Volkskunde, hatte zu seinem Fach ein später selbst eingestandenes "schlampiges Verhältnis", wie Helmut Eberhart weiß. Seine Schriften wie die "Volkskunde in der Gegenwart" (1952), die bis in die Siebzigerjahre in Graz als Fundament des Studiums galt, verloren im Gefolge des allgemeinen "Paradigmenwechsels" ihre Bedeutung. Dort heißt es noch, das Volk sei nicht die Summe der Individuen, "sondern die lebendige Verflechtung der Gemeinschaften. Der im Staat nur organisierten und darum in ihren Lebenskräften nicht entfalteten, den Einzelmenschen in seinen Anlagen verkümmernden ,Bevölkerung' stellen wir das gesunde, organisch gefügte Volk als verlorenes und zu gewinnendes Ideal gegenüber." Seine theoretischen Schriften gelten heute als überholt. Als Lehrender, der ein offenes Klima schätzte, sei Koren jedoch legendär und auch sehr "modern" gewesen, so Eberhart. So bot er bereits 1949 mit "Bauer und Arbeiter in Gesellschaft und Wirtschaft" eine zukunftweisende Lehrveranstaltung an, die interdisziplinär angelegt war.


   Was ist vom Brückenbauer Hanns Koren im Jahr 2006 geblieben? Peter Pakesch, Intendant des Landesmuseums Joanneum, ist erstaunt, wie lange seine Leistungen nun schon weiterwirken. Koren habe ein gutes Gespür gehabt, auch hinsichtlich des geografischen Raums bis hin zur Ostöffnung.      "Koren hat mit Trigon schon früh ein Schlupfloch gefunden, in einer Situation, in der Österreich durch seine traditionelle Randlage mit dem Rücken zur Wand stand. Trigon hat jedenfalls schon die damals maßgeblichen modernen Einflüsse Italiens und auch Jugoslawiens aufgenommen. In Sachen Gegenwartskultur war damals Graz in jedem Fall Wien weit voraus. Das ist dann bis 2003 wichtig." Pragmatisch sieht es Regisseur Ernst M. Binder, der sich eine Volte gegen die Kulturpolitik der letzten Jahre nicht verkneifen will: "Kulturpolitiker sind dazu da, Dinge zu ermöglichen. Die Kulturpolitik von Peter Schachner und Waltraud Klasnic war eindeutig parteipolitisch geprägt. Da wurde Kulturgeld verwendet, um Wählerstimmen zu sammeln. Von Hanns Koren ist dergleichen nicht bekannt geworden. Der war ein wertkonservativer Mensch, der viel zugelassen hat."


   Wie weit "auszeit" der Figur Hanns Koren in all ihrer Widersprüchlichkeit wirklich nachspürt, bleibt abzuwarten. Das bisher vorliegende Programm verspricht eher eine weitere Ikonisierung der Person, die so als unantastbare Legende einer tiefschürfenderen Analyse jenseits provinzieller und familiärer Mythenbildung harrt. Denn am Brückenbauer wird beinahe ausschließlich der Ermöglicher, der Zulasser und Verteidiger der Kunst ins Spiel gebracht. Welche Dimensionen jedoch der gemeinhin als "Konservativer" geltende Koren annimmt, der sich vor dem Hintergrund seiner Idealisierung einer rückwärtsgewandten Volksgemeinschaft inklusive Eingemeindung der "Ehemaligen" in den Kulturbetrieb nach 1945, zumindest bis in die Mitte der Siebzigerjahre, eher als Reaktionär ausnimmt, bleibt ausgespart. Da genauer hinzuschauen, wäre einem Koren-Bedenkjahr sicher angemessen. Q


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Falter" Nr. 16/05 Steiermark vom 19.04.2006 Seite: 4
Ressort: Steiermark Kultur

Helmut Bast




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