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Ich fordere eine positive Verdeckungsbilanz

von Manfred Wolff-Plottegg

Ich will den Themenkreis Was ist zu sehen? kurz analysieren und zwar in Hinblick darauf, daß wir in Österreich sehr viel Landschaft und zumeist auch viele Häuser sehen.

In der jahrelangen Beschäftigung mit Gebäuden, Architektur und Umgebung ist mir klar geworden, daß es dabei immer so ist, daß das eine (oder ein Teil des einen) das andere (oder ein Stück davon) verdeckt. Das ist ein wechselseitiges Prinzip.

Auf dem Bild am Einladungsfolder zur Veranstaltung Region Ennstal / Standpunkte in der Architektur verdeckt der Genossenschafts- Wohnbau die Berge dahinter, die Berge verdecken die Häuser dahinter, links vom Wohnbau verdeckt der auslaufende Hang das Erdgeschoß des alten Bauernhauses.

Auf der Strecke von Graz nach Wien sieht man immer irgendein Gebäude in oder vor der Landschaft; ich kenne nur wenige Blickwinkel in Österreich, wo man kein Gebäude sieht, z.B. auf der Strecke Graz Trautenfels, kurz vor und nach dem Gleinalmtunnel, das wären Blickpunkte für Landschaftspuristen.

In Städten oder Ortskernen sind nur Gebäude sichtbar, man sieht sozusagen vor lauter Häusern keine Landschaft mehr. Das kann bisweilen auch angenehm sein, etwa wenn man bemerkt hat, daß österreichische Berge auch andere Berge verdecken.

Nach dieser eigentlich selbstverständlichen Einleitung nun zum Kern der Argumentation: Wie kann man dem allseits geliebten Satteldach, seinem Limesbild, entkommen?

Auf dem Bild deckt das Satteldach des Wohnbaues einen Teil unserer Landschaft ganz schweinisch ab. Schweinisch insofern, als ich für das was verdeckt wird, nämlich ein Teil unserer schönen Heimat, nichts gleichwertiges oder besseres als Ersatz geboten bekomme.

Optisch besteht der Ersatz für den Anblick der Berghänge aus zwei grauen Vierecken, d.h., ich habe den Eindruck, daß mir etwas weggenommen wird, ohne zumindest ein Äquivalent zu bekommen.

Und damit bin ich in aller Eile beim MERKSATZ meines Statements:

Das Satteldach ist nicht landschaftsgerecht, es ist -- zumindest optisch -- landschaftszerstörend; gesetzliche Vorschreibungen desselben und die allgemein geltende Forderung danach sind durch andere Forderungen zu ersetzen.

Analog dazu: Auch die Flächenwidmungspläne ruinieren die Landschaft, sie sind zumeist Zersiedelungspläne.

Es wird also unter dem Titel Landschaftsschutz und Raumordnung das Gegenteil nämlich Landschaftszerstörung betrieben.

Paradoxerweise verfolgt uns die Forderung Satteldach trotzdem überall, es wird sogar dezidiert vorgeschrieben: bei Wohnbauwettbewerben, vom Ortsbildschutz, vom örtlichen Bausachverständigen, von der Baubehörde, vom Wunschbild der Bauherren.

Bautechnisch ist das Satteldach nicht so eindeutig einzufordern, weil ja genug alternative Konstruktionen möglich sind -- Flachdächer mit Umkehrdach etc. Man soll sich z.B. von den Wohnbau- Genossen unter dem vordergründigen Hinweis auf die Bautechnik deshalb nicht einengen lassen; auffallenderweise sind nämlich die Flachdächer ausgerechnet bei jenen Bauherren und Bürgermeistern undicht, die aus ästhetischen Gründen kein Flachdach haben wollen.

Das Problem liegt also eindeutig in der Vorstellung dessen, was mit der sogenannten Einfügung in die Landschaft gemeint wird:

Die üblichen Einfügungsmechanismen reichen von konservativ (sich auf das alte (!) Gute zu berufen) bis zu militärisch (tarnen). (Aus dieser Sicht müßten alle Architekturstudenten vom Militärdienst befreit werden, damit ihnen die Grundzüge des Tarnens NICHT eingeführt werden.)

Vereinfacht gesagt, berufen sich die Einfügler immer auf eine Ähnlichkeit, nach der Regel Gleiches zu Gleichem ihr Muster ist MIMIKRY. Die offensichtlich anthropologisch kodierte Mimikry scheint mir überhaupt der essentielle Hintergrund für den generellen Wunsch der Einfügung zu sein -- warum sonst wird permanent angepaßt?

Es liegt für mich auf der Hand, daß Mimikry kein architektonisch / künstlerisches / kreatives Gestaltungskriterium ist. Im Extremfall: Nicht einmal die vollständige Mimikry, die getreue Kopie des sogenannten sich ideal einfügenden alten Bauernhauses oder Ringstraßengebäudes, stimmt.

Wenn sich z.B. irgendein altes Bauernhaus unbestritten in die Landschaft einfügt, obwohl es einiges verdeckt -- hat das vielerlei Gründe. Es ist aber keinesfalls gerechtfertigt, aus einem derartigen Gesamt- Kontext ein Element -- z.B. das Satteldach -- herauszunehmen und zu glauben, daß damit die Einfügung erledigt sei.

Bezüglich Einfügung habe ich ja durch meine langjährige Tätigkeit in der Grazer Altstadt- Sachverständigen- Kommission einige argumentative Erfahrung:

So kann ich leicht nachweisen, daß bei der landläufigen Frage der Einfügung nicht die Landschaft oder das Stadtbild, in welches sich etwas einfügen soll, das Thema ist, sondern der persönliche Geschmack des Beurteilers. Es fügt sich sozusagen etwas ein, was zu seinem Geschmack paßt, und nicht das, was zur Landschaft / Stadt paßt. Es wird also primär in eine virtuelle Umgebung eingepaßt, in eine Fiktion. In diesem Sinn gibt es viele Einfügungen, das Ergebnis sehen Sie, wenn Sie durch Österreich fahren. Schlechte Architektur, nach dem jeweiligen guten Geschmack, verstellt die Landschaft.[210]

Das fallt aber gar nicht mehr besonders auf, weil sich ja auch die Berge gegenseitig verdecken. Das Unveränderliche dieses Verdeckens wird zum Selbstverständlichen und im Übertragenen zur Norm. Und darin liegt der Grund, warum das Verdecken überhaupt ein typisch österreichisches Phänomen ist (es gibt somit auch eine topographische Erläuterung der Fälle Waldheim bis Groer).

Ich komme auf eine einfachere Argumentationslinie, zur Architektur zurück:

Physisch und optisch können wir nicht umhin, daß ein Gebäudegrundriß ein Stück Wiese bedeckt (die bebaute bzw. überbaute Fläche) und die Ansicht des Gebäudes ein Stück Landschaft verdeckt.

Was den Grundriß betrifft, kann natürlich leicht mit einem begrünten Flachdach geantwortet werden, bei einer ausreichenden Humusdecke sogar mit einer ökologisch ausgeglichenen Bilanz.

Was die Ansicht betrifft: Was sie verdeckt, daran kann man sich nicht vorbeimanövrieren. Auch Glaskörper sind Körper, die als Körper verdecken, ins Auge stechen und in diesem Sinn nicht transparent sind.

Hier bediene ich mich -- wie schon anfangs angedeutet -- des Konzepts, daß dafür, was zwangsläufig verdeckt wird, ein entsprechender Ersatz geleistet werden muß:

ICH FORDERE EINE POSITIVE VERDECKUNGSBILANZ,

DIE MICH ZUMINDEST DOPPELT ENTSCHäDIGT.

Um eine positive Verdeckungsbilanz zu erzielen, muß natürlich Architektur -- im besten Sinne des Wortes Baukunst -- produziert werden. D.h. man muß etwas zu sehen bekommen, das -- wenn man es sich wegdenkt oder wegnimmt -- das Gefühl hinterläßt, daß dann etwas fehlen würde.

Denken Sie z.B. an die Postkartenansicht von Melk: Wenn das Stift von Prandtauer herausretuschiert (realiter abgerissen) wird, dann fehlt etwas, was unseren Blick einfängt, es spiegelt sich nicht mehr in der Donau usw.; oder z.B. bei der Kirche in Aigen von Giencke: Wenn man den Turm wegnimmt, fehlt er. In diesem Sinn verdecken diese Gebäude nicht den Hintergrund.

Die Verdeckungsbilanz stellt also zwei Tendenzen gegenüber: ein Mangel- Gefühl, welches durch etwas Verdecktes hervorgerufen wird (es mangelt quasi an dem Dahinterliegenden) und nach Entschädigung ruft, und andererseits ein gewisses Sehnsuchts- Gefühl, welches von Fehlendem hervorgerufen wird.

Architektur, die sich selbst zeigt, fehlen würde, wenn sie nicht da wäre, die aber nichts verdeckt (also kein Mangelgefühl bezüglich dem Dahinterliegenden hinterläßt), die also eine positive Verdeckungsbilanz hat, ist gute Architektur.

Und jetzt noch zu einem hier in Trautenfels sehr naheliegenden Beispiel: der Restaurantzubau hier beim Schloß, gleich neben der Brücke.

Wie bekannt ist, habe ich für die Landesaustellung 1992 die Generalsanierung für diesen historischen Bau geplant und mit Hilfe von Dr. Hänsel realisiert. Nach der Einreichung und Baubewilligung wurde mir -- aus mir bis heute unerklärlichen, aber durchaus vorstellbaren Motiven -- die Ausführungsplanung für das Restaurant entzogen und einem anderen Planer übertragen.

Ich will nicht meine Architekturkritik darlegen, weil ich dafür nicht gezahlt werde.[211] Ich will nur auf das Phänomen der Verdeckung, wie vorhin schon bezüglich der Satteldächer, hinweisen.

Die Brüstung über dem Eingang verdeckt den -- zumindest aus der Ferne -- schönen Anblick des schönen Dorfes Pürgg, welches ja -- nicht nur nach der Postkarten- Wertescala -- unbestritten wirklich gut in die Landschaft paßt.

Wenn Sie im Schloßhof zum Restauranteingang in Richtung Pürgg schauen, können Sie Pürgg nicht sehen, auch wenn Sie ganz zurück zur Basteimauer gehen nicht. Nur wenn Sie auf diese hinaufsteigen, dann sehen Sie Pürgg. Ohne diese gefährliche Turnübung ist Ihnen nämlich die Aussicht durch die Brüstungsmauer über dem Restauranteingang verstellt.

D.h. der Bürgermeister, gleichzeitig Auftraggeber und Baubehörde, war vom Planer schlecht beraten und hat sich hier den Blick auf seine eigene Gemeinde verstellen lassen. Die Verdeckungsbilanz stellt fest, daß er aber nur eine unansehnliche Brüstung als Ersatz bekommen hat. Verdeckungsbilanz negativ = schlechte Architektur, oder auch umgekehrt.

Nicht nur daß es für uns Einheimische einen Bezugspunkt, Orientierungspunkt weniger gibt, ist es auch aus Sicht des Tourismus, der ja auch weitgehend von den Postkartenmotiven lebt, nachteilig. Unseren ausländischen Gästen wird eine typische Ansicht, ein Anreiz hinzugehen, vorenthalten.

Ich habe den Bürgermeister einmal auf dieses Phänomen aufmerksam gemacht, ich hoffe, daß er hier -- ähnlich wie bei Produktionsmängeln von Autos -- auch in der Architektur einmal eine Rückrufaktion startet.

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Ich fordere eine positive Verdeckungsbilanz
209 Diskussionsbeitrag bei der Veranstaltung Region Ennstal / Standpunkte in der Architektur in Trautenfels 19. 5. 1995.
210 Aus Sicht des jeweiligen Eigentümers fügt es sich aber ein und das hängt vermutlich mit der Identifikation/Identität mit dem Zuhause zusammen. Zu sagen: "Das eigene Haus fügt sich nicht ein = ein landschaftliches Kuckucksei", wäre gleichbedeutend mit "sich selbst nicht schmecken können".
211 Wer mich kennt, weiß daß ich derartiges durchaus treffend und ohne mir ein Blatt vor den Mund zu nehmen formulieren kann. Wer es genau wissen möchte kann danach mich fragen, ich lasse mich ja gerne provozieren.








Biografie:

Manfred Wolff-Plotegg
geboren 1946 in Schöder, lebt und arbeitet in Graz und Wien

Manfred Wolff-Plotegg ist Architekt und Ordinarius am Institut für Gebäudelehre und Entwerfen an der TU Wien.


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