Hans Koren Gedenkjahr 2006


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Kultur - regional - europäisch
von Heimo Steps

"STEIRISCHE GEDANKEN" 

 

Da mir die hochmögende Symposiumsleitung als Titel meines Beitrages „Steirische Gedanken“ zum Gesamtthema „Kultur der Regionen im neuen Europa“ vorgegeben hat, gehe ich in medias res und darf mit einem Kurzessay „Aus dem Leben Hödlmosers“ beginnen, dem identitätsstiftenden modernen steirischen Nationalepos Reinhard P. Grubers:

„Sollte "Kunst" einen Gegensatz zur Natur behaupten, sollte sie also "künstlich" sein, dann hat sie mit dem Steirer nichts zu tun.Wenn die Kunst aber etwas ist, das aus der Natur eines Menschen, in der Steiermark also: aus der Natur eines Landes, entspringt, dann kann man sogleich von der steirischen Kunst sprechen. Dieses Kunstverständnis ist beim Steirer immer vorauszusetzen.
Um es vorwegzunehmen: Es gibt keine steirische Kunst. Der Steirer setzt nicht künstlerische und natürliche Akte, sondern nur solche in steirischer Lebendigkeit.
Alle Akte, die in steirischer Lebendigkeit geschehen, sind wesentlich künstlerisch, weil sie wesentlich natürlich sind. (Wie überhaupt jeder wesentliche menschliche Akt ein künstlerischer ist.) 
Auf diese richtige Weise gesehen, kann man natürlich wiederum von einer steirischen Kunst sprechen, u. z. in dem Sinne, daß alle steirischen Akte wesentliche Akte sind und daher künstlerische Akte: d.h. also, alles steirische Tun ist ein künstlerisches Tun. 
Da die creativen steirischen Handlungen - und alle steirischen Handlungen sind creativ - das Wesentliche des steirischen Menschen ausmachen, kann mit Recht behauptet werden, der Steirer führe im gesamten überhaupt ein künstlerisches Leben. 
Das ganze steirische Leben ist ein ästhetisches Leben. 
Hier ist mit Erschrecken zu vermerken, daß eine höchst bemerkenswerte Antinomie eingetreten ist (die berühmte steirische Kunstantinomie, aus der schließlich die steirische Kunstakademie entstanden ist): 
Einerseits gibt es keine steirische Kunst, weil der Steirer nur natürlich handelt und ist. 
Anderseits ist dem Steirer gerade aufgrund seiner wesentlichen Natürlichkeit alles Kunst, er führt das ideale ästhetische Leben. 
Kurzdefinitionen:
 -  dem Steirer ist nichts Kunst, weil ihm alles Kunst ist 
-  dem Steirer ist alles Kunst, weil ihm nichts Kunst ist 
- noch kürzer: dem Steirer ist alles natürlich“  

Reinhard P. Gruber hat damit, wie unser dem Modell Steiermark sehr verbundener Tiroler Freund Andreas Braun zurecht bemerkt, in der Steiermark alles klar und einfach auf den Punkt gebracht, lange bevor Joseph Beuys und Andy Warhol einer verblüfften Weltöffentlichkeit das Allkünstlerische jedes Menschen und jeder menschlichen Handlung verkündeten. Wir brauchen daher nicht zu fragen, wo der Bartl den Most holt.  
Um Selbstgefälligkeit gar nicht aufkommen zu lassen, zitiere ich auch den Nicht-Steirer Karl Kraus, der zum angesprochenen Künstlertum noch viel früher als Beuys und Warhol feststellte: 

 „Künstler ist nur einer, der aus der Lösung ein Rätsel machen kann.“


 Daß Reinhard P. Gruber  dieses Kriterium erfüllt, ist somit auch klar, soferne wir die Prämisse akzeptieren, daß die Fähigkeit, in Widersprüchen denken zu können, dem österreichischen Wesen innewohnt - Diese Fähigkeit möge übrigens als wesentlicher Beitrag zu einem zukünftigen europäischen Bewußtsein gesehen werden, das ja gewiß auch Thema unseres Kulturgespräches ist.  

„Kultur der Regionen im neuen Europa“:  
Im Kontext der von uns allen hautnah erlebten jüngsten Geschichte bis zur aktuellen Gegenwart der Konflikte in unseren südöstlichen Nachbarländern, der gewaltigen Umwälzungen in Mittel- und Osteuropa, der europäischen Integration erfährt die Steiermark erneut die Exponiertheit ihrer Lage. Unser Land hat - oft angesichts schwierigster Bedingungen - seine Lage immer auch als Auftrag gesehen, Brücken über die Grenzen zu schlagen, den Dialog zu führen und mit anderen Regionen zu kooperieren. Die Kultur tastete sich dabei oft und heute noch gegenwärtig als Kundschafterin und als Vorbotin vor.  
Die steirische Kulturpolitik - verbunden mit den Namen Hanns Koren, Kurt Jungwirth und Josef Krainer hat den gewaltigen geistigen Aufbruch der Avantgarde in den 60er Jahren mitgetragen und mit der in der Geschichte wurzelnden, aber zukunftsweisenden und grenzüberschreitenden Trigon-Ideen spätere politische Entwicklungen initiiert. Über die Regionalisierung und Dezentralisierung wurde der Zugang zur Kultur in der ganzen Steiermark erleichtert und die internationale und interdisziplinäre Auseinandersetzung mit den großen Problemen der Gegenwart vorangetrieben. Diese Kontinuität und ihre bedeutenden Erfolge verpflichten. Offenheit und Liberalität bleiben auch in Zukunft ihre bestimmenden Kriterien. 
Die Steiermark verfügt über ein vielfältiges Profil  und ein vitales Kulturgeschehen, dessen Qualität aus den Spannungsfeldern alt - neu, zentral - dezentral und regional - international schöpft. Die Vielfalt des kulturellen Geschehens in der Steiermark entspricht einem vielschichtigen Selbstverständnis, das Heimatbewußtsein und Weltoffenheit, Überliefertes und Ungesichertes, die Hauptstadt Graz und die steirischen Regionen in produktiven Wechselwirkungen und Spannungen vernetzt. Viele Menschen, Gruppen, Initiativen und Institutionen gestalten mit ihrer Kreativität, mit Kompetenz und mit harter Knochenarbeit das rege kulturelle Leben in unserem Land. 
Wir nehmen das vielschichtige kulturelle Selbstverständnis, das reiche kreative Schaffen der Künstler und die hervorragende Arbeit in der Vermittlung von Verständnis für kulturelle Phänomene als große Herausforderung wahr. Ihr Leitmotiv ist der aufmerksame und sensible Umgang mit Kultur und Kunst, vor allem auch mit ihren Protagonisten. Wir müssen dem bestehenden Pluralismus kultureller Aktivitäten und Einrichtungen Rechnung tragen und durch Verbesserungen von Rahmenbedingungen und Infrastrukturen wie durch gezielte Förderungen ihre weitere Entfaltung ermöglichen.  
Es hat sich in den letzten Jahren in der Steiermark ein geradezu aufregender Qualitätsschub kultureller Aktivitäten etabliert. Ein Blick auf das Angebot  des heurigen "Steirischen Kultursommers" genügt: In Graz haben wir mit der Styriarte und Nikolaus Harnoncourt, den „Classics in the City“, dem Bolschoitheater, inbesondere auch mit den beiden von Peter Weibel und dem Joanneum konzipierten und durchgeführten Großausstellungen „Egon Schiele“ und „Hochsommer der Kunst“ ein Programm, um das uns Großstädte beneiden. In den steirischen Regionen sorgen Institutionen und Iniatiativen wie das Culturzentrum Wolkenstein , das Kunsthaus Mürzzuschlag, vor allem aber auch Veranstaltungen, die von den Leuten aus den Regionen mit kompetentem Engagement und großer Begeisterung auf die Füße gestellt wurden und werden, für ein hochwertiges Angebot: die „Poesie im Ausseerland, das Festival St.Gallen, der Schladminger Musiksommer, der Admonter Musiksommer, die Neuberger Kulturtage, das „Kalendarium Wies“ oder „Straden aktiv“. Darüberhinaus natürlich die die Schlösserstraße, die Weinstraße, die Holzstraße mit dem Holzsymposium als beispielhafte Nachwirkung der Landesausstellung in Murau: Hier blüht überall regionale Qualität, hier zeigen sich kräftige regionale Lebenszeichen, die unserer Förderung besonders bedürfen. Als Tourismusreferent der steiermärkischen Landesregierung weiß ich: Die Kultur ist ein wesentlicher Faktor des heutigen intelligenten Tourismus, der markante Kulturerlebnisse selbstverständlich mit einschließt. Die angeführten Ereignisse legen nahe, daß die Kultur  stärker in das Steiermark-Marketing eingebunden werden - zum Nutzen von Tourismus und Kultur.  
In diesem Zusammenhang ist auch zu sagen, daß die Wirtschaft angesichts der Budgetperspektiven der öffentlichen Hand verstärkt zur Finanzierung von Kulturprojekten eingeladen  werden muß. Da ist auch ein enger Zusammenhang mit der Qualität der Kulturförderung zu sehen. 
Die Kulturförderung wird zu einem Teil immer auch materielle Hilfestellung für Kulturschaffende bis zur ökonomischen Sicherheit bleiben müssen. Im Vordergrund muß aber die Evaluierung der produktiven und kreativen Arbeit von Künstlern, Kulturinstitutionen und Kulturinitiativen stehen: Nicht nur deshalb, weil die Vergabe öffentlicher Mittel, von Steuergeldern also, größte Sorgfalt erfordert. Es müßte ein Kriterienkatalog erarbeitet werden, der folgende Punkte berücksichtigt: den  künstlerischen Anspruch, die Angemessenheit der Mittel, natürlich auch der finanziellen Mittel, Einbindung in den regionalen wie auch überregionalen Kontext, Feedback durch die Kritik und das Publikum. Eine derartige Transparenz und Begründbarkeit der Kulturförderung sollte die Bereitschaft insbesondere zum privaten finanziellen Engagement, sei es über Sponsoring, Aufträge und Ankäufe oder ganz einfach und banal über den Kartenverkauf bei kulturellen Veranstaltungen. Die öffentliche und die private Kulturförderung werden in Zukunft viel mehr kooperieren.  

Kultur der Regionen im neuen Europa“: 

Kultur und Kunst sind wesentliche Elemente in der Formung eines gemeinsamen europäischen Bewußtseins. Unsere angestrebte wirtschaftliche und politische Einbindung in die Europäische Gemeinschaft darf nicht um den Preis unserer Identität erkauft werden. Daher hat für die Steiermark das Konzept eines "Europas der Regionen" entscheidende Bedeutung, das eine exemplarische Einheit aus Verschiedenheit und Vielfalt einerseits und eine universalistische, auf der gemeinsamen europäischen Grundwerten und Traditionen aufbauende Zielsetzung andererseits verkörpert. Damit ist klar, daß dieses Konzept Provinzialismus und Partikularismus ausschließt. Mit ihrem differenzierten kulturellen Selbstverständnis und ihren weitverzweigten kulturellen Beziehungen hat die Steiermark in dieses neue Europa viel einzubringen. Unter diesen Auspizien ist die Steiermark im kulturellen Bereich auf zukünftige Entwicklungen gut vorbereitet. Die großen Herausforderungen verbieten indes den weichen Polster der Selbstzufriedenheit.
Die überregionale und internationale Zusammenarbeit im Kulturbereich muß ausgebaut werden. Die Steiermark hat die Brückenfunktion immer wahrgenommen, es ist aber darauf zu achten, daß die Kontakte sowohl nach Südosteuropa als auch nach Westeuropa gehen, sonst haben wir es mit einem „Pont d’Avignon“ zu tun, einer Brücke also, die mitten im Fluß abbricht. Die Steiermark und Graz müssen eine Relaisstation, ein frequentiertes „Link“ im überregionalen und internationalen Kulturgeschehen sein.
Die Präsentation steirischer Künstler und Intellektueller im Ausland ist ein ganz wichtiger Schritt in ihrer Entwicklung. Umgekehrt brauchen wir die Konfrontation mit dem, was anderswo erarbeitet wird. Dabei soll ein Schwerpunkt auf die Kultur und das Denken der aktuell dynamischen Generation gesetzt werden: Was ist in anderen Ländern aktuell, welche Visionen werden anderswo formuliert ? 
Die aktuelle Diskussion über die Zukunft des gemeinsamen Europa zeigt ganz deutlich, daß wir noch viele Fragen zu lösen haben. Vor allem muß das Bewußtsein der Gemeinsamkeit, gerade gemeinsamer Werte, weiterentwickelt werden. 
Der französische Philosoph Luc Ferry hat in einem Interview für den deutsch-französischen Kulturkanal „Arte“ festgestellt:

 „Sicherlich gibt es in den gegenwärtigen Gesellschaften ein Sinnvakuum, das auch Sekten oder Fundamentalismen begünstigen kann, aber ich glaube doch, daß diese Phänomene im europäischen Raum, in dem sie jede Glaubwürdigkeit eingebüßt haben, marginal bleiben werden. Dagegen meine ich, daß die Hauptbedrohung für unsere Demokratien in ihrer Unfähigkeit liegt, ihre eigene Politik in überzeugender Weise zu rechtfertigen. Deshalb stelle ich die Frage, ob man Politik wirklich einzig und allein auf technokratische Motivationen stützen kann. „ 

Und auf die Frage, ob die überall merkbare Hinwendung zur Privatsphäre gleichzeitig eine Abwendung vom gesellschaftlichen Bereich bedeute, entgegenet er, daß die vielmehr eine Bedingung für eine neue Basis der Politik und einen neuen Schwung für gesellschaftliche Unternehmungen sei, antwortet er: 

„Es geht nicht darum, die Vernunft, also die Anerkennung von Sachzwängen, aus der Politik zu verbannen.Zum Beispiel ist es klar, daß wir in etwas einsteigen müssen, was einheitliche europäische Währung heißt, und daß die Bürger Europas Interesse daran hätten zu verstehen, was das eigentlich heißt. Da gibt es sehr reale Sachzwänge. Die Vernunft hat also durchaus eine wichtige Rolle, aber ich bin auch davon überzeugt, daß man in den kommenden Jahren keine Politik, vor allem keine Politik der Einsparungen und Opfer, lediglich auf diese Sachzwänge gründen kann. Da gilt es andere Motivationen zu finden. Daher erscheint mir die Idee einer Politik des Gefühls die einzig mögliche Hoffnung, sie könnte der abstrakten Welt des Gesetzes ihre konkrete Dimension zurückgeben.“ 

Wir meinen, daß Kultur und Kunst auch dabei eine wesentliche Rolle spielen. Die Politik ist aufgefordert, Künstler, Intellektuelle und Kulturschaffende zur Formulierung der angesprochenen Motivationen einzuladen.Europa baut auf Demokratie, Pluralismus, Schutz der Menschenrechte und  soziale Marktwirtschaft. Die Formulierung dieser fundamentalen Werte war ein langer, konfliktreicher Prozeß, in den die großen europäischen Traditionen einflossen. Die Geschichte der demokratischen Grundwerte ist die Geschichte der europäischen Kultur. Daher ist davor zu warnen, die Zukunft Europas nur in der wirtschaftlichen Integration zu sehen. Eine einseitige wirtschaftliche Ausrichtung birgt die große Gefahr des Identitätsverlustes in sich. Vielmehr muß die Entwicklung des "Neuen Europa" der großen nationalen und kulturellen Vielfalt Rechnung tragen und darf sich nicht über die Verschiedenheit hinwegsetzen.Vaclav Havel sagte 1985, als ihm der niederländische Erasmus-Preis überreicht wurde, und damit schließe ich auch: 

"Die Europäer können sich freilich ihre Vision eines vereinten Europa nur dann erkämpfen, wenn sie dazu einen wirklichen, ernsthaften inneren Grund haben, nämlich, wenn sie etwas verbinden und gemeinsam motivieren wird, was ich europäisches Bewußtsein nennen möchte. Ein tiefes Gefühl der Einheit in der Unterschiedlichkeit. Das tiefe Bewußtsein der tausendjährigen gemeinsamen Geschichte und Tradition, gegeben durch das Zusammenfließen und Zusammenwirken des antiken und christlich-jüdischen Elementes. Der erneuerte Respekt gegenüber den geistigen Prin­zipien, aus denen alles Gute erwachsen ist, was Europa geschaffen hat. Eu­ropa setzt sich überwiegend aus kleinen Nationen zusammen, deren geistige und politische Freiheit sie mit Tausenden von Fäden verknüpfen. Ohne das Bewußtsein und Erlebnis dieser Wirklichkeit, ohne neues Verständnis ihres Sinnes und ohne Stolz darauf wird sich ein europäisches Bewußtsein nicht erneuern. Und ohne seine Erneuerung kann man nur schwerlich auf durch­greifende politische Veränderung in Richtung auf eine europäische Gemein­schaft unabhängiger Nationen hoffen."




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