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Phantasie
Wörterbuch der philosophischen Begriffe - Rudolf Eisler

Phantasie
(phantasia, von phainô imaginatio) bedeutet (ursprünglich) Vorstellung (s. d.), Vorstellungskraft, dann (auch) Einbildungsvorstellung, Einbildungskraft nicht bloß im Sinne der reproduktiven Vorstellungstätigkeit, sondern in dem der gestaltenden, gegebenes Vorstellungsmaterial, Vorstellungselemente zu neuen, nicht gegebenen Gebilden anschaulich (nicht begrifflich) verarbeitenden, synthetischen Tätigkeit des Geistes, der Apperzeption (s. d.). Die Phantasie ist kein besonderes »Vermögen«, sondern eine Bestätigung der gleichen Geisteskraft, die im Denken (s. d.) begrifflich wirkt. Der Unterschied der passiven (triebhaften) und der aktiven, schöpferischen (vom Willen geleiteten) Phantasie ist ein relativer. Angeregt wird die Phantasie durch Gefühle, Triebe, Willensimpulse, aber bei verschiedenen Individuen in verschiedener Intensität und Extension (s. Genie). Die künstlerische Phantasie zeichnet sich durch besondere Anschaulichkeit, die wissenschaftliche durch besonderes Imaginieren von Beziehungen aus.



Phantasie - Aristoteles, Scholastik

ARISTOTELES versteht unter phantasia die Vorstellung (s. d.) überhaupt als Nachwirkung der Wahrnehmung (Rhet. I 11, 1370a 28), die auch ohne Wahrnehmung auftritt: phainetai de tis kai mêdeterou hyparchontos toutôn, hoion ta en tois hypnois. eita aisthêsis men aei paresti, phantasia d' ou (De an. III 3, 328a 7 squ.). Die Stoiker und Epikureer unterscheiden von der phantasia (s. Vorstellung) das phantasma (s. d.). Nach ALEXANDER von APHRODISIAS ist die phantasia eine Nachwirkung der Empfindung plus der Wirkung der Vorstellungstätigkeit (De an. 135b). Nach JAMBLICH ist die Phantasie ein aktives Vermögen. Es gibt aufnehmende und combinierende Phantasie (bei SIEBECK, Gesch. d. Psychol. I 2, 350 ff., 355. vgl. hier über PHILOPONUS). BOËTHIUS erklärt: »Imaginatio solam sine materia indicat figuram« (Cons. philos. V). AUGUSTINUS unterscheidet reproduktive, produktive, synthetische Phantasie (Ep. ad Nebrid. 62. vgl. De mus. VI, 11. De vera relig. 10). ALGAZÊL bemerkt: »Imaginatio est apprehensio rerum, quas significant singulae dictiones ad intelligendum eas et ad certificandum« (PRANTL, G. d. L. II, 362). Die Motakallimûn lehren, »omnia ea, quaecunque nobis imaginamur, transire quoque posse ad intellectum« (bei Maimon., Doct. perplex. I, 73). Nach ISAAK VON STELLA behält und reproduziert das »phantasticum animae« die sinnlichen Bilder (De nat. et virib. an. hum.). WILHELM VON CONCHES definiert: »Imaginatio est vis, qua percipit homo figuram rei absentis« (bei HAURÉAU I, p. 548). Ähnlich die Scholastik überhaupt, welche in der »imaginativa« ein Seelenvermögen (s. d.) niederer Art erblickt (vgl. DUNS SCOTUS, Rev. princ. qu. 13, 2, 2). THOMAS unterscheidet »phantasia rationalis« und »sensibilis« (3 de an. 16a: = phantasia logistikê kai aisthêtikê, ARISTOTELES, De an. III 10, 433b 29). Nach NICOLAUS CUSANUS ist die »imaginatio« ein niederer Grad der Verstandestätigkeit (De coniect. 11). PARACELSUS sieht in der Imagination eine der wichtigsten Geistestätigkeiten (Phil. sag. I. WW. X, 32. er faßt sie auch metaphysisch auf, später auch J. BÖHME u. F. BAADER). Nach CAMPANELLA hat Gott dem Menschen die »virtus ideativa« gegeben (Physiol. XVI, 7 f.). »Imaginatio mentalis, non sensualis est inventrix scientiarum per ideationem« (Univ. philos. V, 1, 3). Nach L. VIVES ist »imaginatio« »actio... in animo, quae oculi in corpore, recipere imagines intuendo: estque velut orificium quoddam rasis quod memoria« (De an. I, 32). »Phantasia vero coniungit et disiungit ea, quae singula et simplicia imaginatio acceperat« (l. c. 32).



Phantasie - Hobbes, Cartesianer

HOBBES bestimmt: »Imaginatio nihil aliud est re vera quam propter obiecti remotionem languescens vel debilitata sensio« (abgeschwächte Empfindung) (De corp. C. 25). »Postquam enim obiectum remotum est, vel oculus clausus, imaginem tamen rei visae retinemus. Atque haec est imago, a qua facultatem appellamus imaginationem« (Leviath. I, 2). Die Imagination ist ein »conception remaining« (Hum. Nat. ch. 3, p. 9). DESCARTES bezeichnet die Phantasievorstellungen als »ideae a me ipso factae« (Medit. III). »Imaginari« ist das konkrete, anschauliche Vorstellen im Unterschiede vom abstrakten, begrifflichen Denken (l. c. II). »Imaginatio nihil aliud esse apparet, quam quaedam applicatio facultatis cognoscitivae ad corpus ipsi intime praesens« (l. c. VI). »Imaginationes« sind Perzeptionen, welche nicht von den Nerven abhängen (Pass. an. I, 21), sondern vom Willen. sie sind daher eher »actiones« als »passiones« der Seele (l. c. I, 20). Ähnlich die Cartesianer. CLAUBERG bemerkt: »In hoc ipso phantasia seu imaginatio consistit, quod non ad rem ipsam externo sensui praesentem, sed ad eius imaginem, id est, praeteritae impressionis vestigium mentis obtritum convertimur« (Opp. p. 202). Die Logik von PORT-ROYAL bestimmt: »Imaginatio est modus concipiendi..., qui fit per conversionem mentis ad imagines in cerebro depictas« (l. c. I, 1). MALEBRANCHE erklärt: »Par l'imagination l'âme n'aperçoit que les êtres matériels, lorsqu' étant absents, elle se les rends présents en s'en formant des images dans le cerveau« (Rech I, 4). »L'imagination consiste dans la puissance qu'a l'âme de se former des images des objets, en produisant du changement dans les fibres de cette partie du cerveau que l'on peut appeller partie principale« (l. c. II, 1). SPINOZA unterscheidet die imaginatio als anschauliche, raumzeitliche Betrachtungsweise der Dinge von der die Wesenheit, Notwendigkeit des Seins erfassenden vernünftigen (s. d.) Erkenntnisart. »Imaginari est: quae in cerebro reperiuntur a motu spirituum, qui in sensibus ab obiectis excitatur, vestigia sentire« (Cogit. met. I, 1). »Corpora humani affectiones, quarum idea corpora externa velut nobis praesentia repraesentant, rerum imagines vocabimus, tametsi rerum figuras non referunt: et quum mens hac ratione contemplatur corpora, eandem imaginari dicemus« (Eth. II, prop. XVII). Die Imagination (eine Quelle des Irrtums, De an. int.) ist die zweite Art der Erkenntnis (s. d.). »Sequitur, a sola imaginatione pendere, quod res tam respectu praeteriti, quam futuri, ut contingentes contemplemur« (Eth. II, prop. XLIV). TSCHIRNHAUSEN versteht unter der Imagination auch die »facultas sentiendi« (Med. ment.). - HOLBACH erklärt die Imagination als »la faculté que le cerveau a de se modifier ou de se former des perceptions nouvelles sur le modèle de celles qu'il a reçue par l'action des objets extérieurs sur les sens« (Syst. de la nat. I, ch. 8, p. 113). Nach HUME ist die »imagination« das Auftreten abgeblaßter Vorstellungen (Treat. 1, sct. 3). Die Einbildungskraft ist die subjektive Quelle des Kausalbegriffs (s. d.), ist auch an der Bildung des Objektsbewußtseins (s. d.) beteiligt. Nach FERGUSON ist das Werk der Einbildungskraft, »sich die Dinge als gegenwärtig und mit allen ihren wirklichen oder erdichteten Eigenschaften und Umständen darzustellen« (Grunds. d. Moralphilos. S. 54 f.). - CHR. WOLF definiert: »Die Vorstellung solcher Dinge, die nicht zugegen sind, pfleget man Einbildungen zu nennen. Und die Kraft der Seele, dergleichen Vorstellungen. hervorzubringen, nennet man die Einbildungskraft« (Vern. Ged. I, § 235). »Facultas producendi perceptiones rerum sensibilium absentium facultas imaginandi seu imaginatio appellatur« (Psychol. empir. § 92). Die »facultas fingendi« ist »facultas phantasmatum divisione ac compositione producendi phantasma rei sensu numquam receptae« (Psychol. empir. § 138). MURATORI betrachtet die Phantasie als Schatzkammer der Intelligenz (Della forza della fantasia umana2, 1753). Nach BAUMGARTEN ist Phantasie die »facultas imaginandi« (Met. § 558). nach BILFINGER »facultas repraesentandi ideas olim perceptas ex occasione praesentium, quae aliquid cum illis commune habent« (Dilucid. met. § 253). FEDER erklärt: »Wir haben ein Vermögen, auch wenn die Dinge selbst nicht vorhanden sind, die Bilder der Dinge, oder das, was wir einmal bei ihrer Gegenwart empfunden haben, uns vorzustellen. Dieses Vermögen heißet Einbildungskraft, Phantasie, Imagination« (Log. u. Met. S. 2 ff.). Nach PLATNER ist »Einbildungskraft« der höhere Grad der Vollkommenheit der Phantasie (Philos. Aphor. I, § 280). diese ist »dasjenige Vermögen der Vorstellkraft, mittelst dessen sie bildliche Ideen hat, welche nicht gegenwärtig sind den Sinnen« (l. c. I, § 271. Anthropol. § 472. Log. u. Met. S. 32, 36 ff., 42 ff.).



Phantasie - Kant

KANT begründet die Unterscheidung der (reinen, apriorischen) produktiven, Einheit der Erkenntnis ermöglichenden, von der reproduktiven, auf Erfahrung fußenden Einbildungskraft. »Die Einbildungskraft (facultas imaginandi), als ein Vermögen der Anschauungen auch ohne Gegenwart des Gegenstandes, ist entweder produktiv, d. i ein Vermögen der ursprünglichen Darstellung des letzteren (exhibitio originaria), welche also vor der Erfahrung vorhergeht, oder reproduktiv, der abgeleiteten (exhibitio derivativa), welche eine vorher gehabte empirische Anschauung ins Gemüt zurückbringt« (Anthropol. I, § 26). Die produktive Einbildungskraft verbindet Anschauung (Sinnlichkeit) und Verstand (Begrifflichkeit), ermöglicht die Anwendung der Kategorien (s. d) auf den Anschauungsinhalt vermittelst des »transzendentalen Schematismus« (s. d.). So ist sie eine der »subjektiven Erkenntnisquellen« (Krit. d. r. Vern. S. 126), welche als »reine Synthesis« (s. d.) aller Verbindung der Vorstellungen zugrunde liegt (l. c. S. 127), als »eine Bedingung a priori der Möglichkeit aller Zusammensetzung des Mannigfaltigen in einer Erkenntnis« (l. c. S. 128): als »produktive Synthesis«, denn die »reproduktive« »beruht auf Bedingungen der Erfahrung« (l. c. S. 129). Transcendental (s. d.) ist die Einbildungskraft, »wenn ohne Unterschied der Anschauungen sie auf nichts als bloß auf die Verbindung des Mannigfaltigen a priori geht« (l. c. S. 129). Sie bringt »das Mannigfaltige der Anschauung in ein Bild« (l. c. S. 130). »Wir haben also eine reine Einbildungskraft, als ein Grundvermögen der menschlichen Seele, das aller Erkenntnis a priori zum Grunde liegt. Verrnittelst deren bringen wir das Mannigfaltige der Anschauung einerseits mit der Bedingung dar notwendigen Einheit der reinen Apperzeption anderseits in Verbindung. Beide äußerste Enden, nämlich Sinnlichkeit und Verstand, müssen verrnittelst dieser transzendentalen Funktion der Einbildungskraft notwendig zusammenhängen, weil jene sonst zwar Erscheinungen, aber keine Gegenstände eines empirischen Erkenntnisses, mithin keine Erfahrung geben würden« (l. c. S. 133). »Einbildungskraft ist das Vermögen, einen Gegenstand auch ohne dessen Gegenwart in der Anschauung vorzustellen. Da nun alle unsere Anschauung sinnlich ist, so gehört die Einbildungskraft, der subjektiven Bedingung wegen, unter der sie allein den Verstandesbegriffen eine korrespondierende Anschauung geben kann, zur Sinnlichkeit. sofern aber doch ihre Synthesis eine Ausübung ihrer Spontaneität ist, welche bestimmend und nicht, wie der Sinn, bloß bestimmbar ist, mithin a priori den Sinn seiner Form nach der Einheit der Apperzeption gemäß bestimmen kann, so ist die Einbildungskraft sofern ein Vermögen, die Sinnlichkeit a priori zu bestimmen, und ihre Synthesis der Anschauungen, den Kategorien gemäß, muß die transzendentale Synthesis der Einbildungskraft sein, welches eine Wirkung des Verstandes auf die Sinnlichkeit und die erste Anwendung desselben (zugleich der Grund aller übrigen) auf Gegenstände der uns möglichen Anschauung ist« (l. c. S. 673). - J. G. FICHTE bestimmt die Einbildungskraft als vorbewußte, Objekte (s. d.), Anschauungs- und Denkformen (s. Kategorien) setzende Tätigkeit des Ich (vgl. Gr. d. g. Wissensch. S. 415. ähnlich SCHELLING, Syst. d. tr. Ideal. S. 223).




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