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Back to the roots
Fabian Wallmüller im Gespräch mit Aljoša Dekleva und Tina Gregoric

Junge Revoluzzer? Die Architekten Aljoša Dekleva und Tina Gregorič nehmen Stellung zur Kritik an der jungen slowenischen Architekturgeneration.

Wie viele ihrer slowenischen Kollegen haben auch die Architekten Aljoša Dekleva und Tina Gregorič ein Postgraduate-Studium im Ausland absolviert. Wieder zurück in Slowenien, vertreten sie heute eine entschieden internationale Haltung. 2003 gründeten sie das Büro Dekleva Gregorič Arhitekti in Ljubljana, 2004 erregten sie gemeinsam mit fünf weiteren jungen Büros Aufmerksamkeit, als ihre Arbeiten im Rahmen der Ausstellung „Sixpack“ weltweit gezeigt wurden. In Slowenien selbst wird den quasi über Nacht bekannt gewordenen Büros ebensoviel Zustimmung wie Kritik zuteil. Von unhinterfragtem Kulturimport und Aufgabe nationaler Identität ist die Rede. Fand hier ein Bruch mit der eigenen Vergangenheit statt? GAT sprach mit Aljoša Dekleva und Tina Gregorič.

GAT: Die Architectural Association in London und das Berlage Institut in Rotterdam spielen in der Ausbildung der jungen Generation slowenischer Architektinnen und Architekten eine zentrale Rolle. Auch Sie haben an der AA ein Postgraduate-Studium absolviert. Waren Sie mit der Ausbildungssituation in Slowenien unzufrieden?
Dekleva: Nein, ganz im Gegenteil. Im Vergleich mit anderen Universitäten zeigt sich immer wieder, dass die Architekturschule in Ljubljana den Studenten vor allem die Fähigkeit vermittelt, selbständig zu denken.
Gregorič: Am Anfang unseres Postgraduate-Studiums stand eigentlich mehr die Idee, ins Ausland zu gehen – der Erfahrung wegen. Einfach zu sehen, wie es dort ist. Und wir mochten London. Freilich: Als wir dann dort studierten, waren wir fast die ganze Zeit an der Schule.
Dekleva: Was die AA interessant macht, ist die ständige Infragestellung Deiner Arbeit durch externe Kritiker. Du präsentierst permanent Deine Projekte, musst Dich verteidigen und Deine Argumente schärfen. Wenn wir in Ljubljana gelernt haben eigenständig zu denken, dann haben wir an der AA gelernt, unsere Arbeit auch zu argumentieren.
Gregorič: Haben Sie eigentlich unser Buch gesehen?

GAT: Sie haben ein Buch geschrieben?
Gregorič: “Negotiate My Boundary!” – unsere Diplomarbeit. Sie wurde als Buch herausgegeben.
Dekleva: Die Arbeit reinterpretiert im Grunde die Idee der Partizipation der 60er-Jahre. Doch was bedeutet das heute? Negotiate My Boundary! nützt die moderne Technik und verlagert die Mitbestimmung an Planungsprozessen ins Internet. Dort kann man als zukünftiger Bewohner nicht nur interaktiv Einfluss auf die Typologie eines Hauses nehmen – wie sich beispielsweise der Bezug zum Außenraum gestaltet, welche Blickbeziehungen man haben möchte. Im Internet formen die Bewohner auch eine Art Club, wo sie lange vor Fertigstellung des Gebäudes die Bespielung von Räumen verhandeln, die zur gemeinschaftlichen Nutzung vorgesehen sind.
Gregorič: Das Buch war bereits sechs Monate nach Erscheinen ausverkauft, und wir haben mehrere internationale Preise dafür bekommen. Ich glaube, dass wir damit tatsächlich ein Thema aufgegriffen haben das viele interessiert – vor allem, was soziale und interaktive Aspekte betrifft. Wie kann ich ein Gebäude meinen Bedürfnissen anpassen, und wo liegen die Grenzen?

GAT: Gibt es schon Ansätze, diese Ideen auch real zu umzusetzen?
Dekleva: Ansätze gibt es überall. Für den slowenischen Wohnbaufonds erarbeiten wir zum Beispiel gerade ein Wohnbauprojekt, das bestimmte Räume zur gemeinschaftlichen Nutzung durch die Nachbarn vorsieht. Methoden kundenspezifischer Anpassung lassen sich aber auch außerhalb der Architektur beobachten. Seit beispielsweise Computer online verkauft werden, kannst Du alle Komponenten – Motherboard, Grafikkarten etc. – frei wählen. Nike konzipiert gerade einen Schuh, den Du Dir aus verschiedenen Modellen zusammenstellen kannst. Von diesen Dingen ist es nur ein kleiner Schritt zur Architektur.
Gregorič: Architektur ist mehr als nur Form. Uns interessiert das Zusammenspiel mit den Bewohnern, die Beeinflussung sozialer Prozesse. Alle unsere Projekte beginnen bei diesem Punkt.

GAT: Die jungen slowenischen Architekten wurden ja in letzter Zeit wiederholt dafür kritisiert, dass sie weniger an sozialen oder gesellschaftlichen Problemen interessiert seien als am medialen Effekt ihrer Architektur. Der slowenische Architekturkritiker Miha Dešman meinte sogar, hier würden globale Trends durch das Prinzip des „Copy and Paste“ auf Slowenien übertragen. Sie scheinen hier eine andere Position einzunehmen.
Gregorič: Diese Kritiken sind sicher nicht ganz unberechtigt. In unseren Arbeiten wird allerdings deutlich, dass der soziale Aspekt eine wesentliche Rolle spielt. Wir verstehen unsere Arbeit sicher nicht als Import fremder Ideen. Als wir an die AA gingen, wussten wir im Grunde bereits, was wir wollen; wir haben also unser Denken dort nur weiterverfolgt. An der AA wurden wir sogar kritisiert, dass wir eine zu europäische Herangehensweise und keine globale hätten.
Dekleva: Jože Plečnik studierte in Wien bei Wagner – und baute danach in Slowenien Architektur, die jeder schätzt. Edvard Ravnikar, Plečniks Schüler, arbeitete bei Le Corbusier – trotzdem ist Ravnikars Architektur tief in der slowenischen verwurzelt.
Gregorič: Ein langer Auslandsaufenthalt bietet einfach die Möglichkeit, einen kritischen Blick für die Geschehnisse zu Hause zu entwickeln. Aus der Distanz siehst Du die Dinge klarer. Gerade deswegen schätzen wir auch heute unsere Wurzeln mehr als wenn wir hier geblieben wären.

GAT: Der vielbeschworene Bruch mit der Vergangenheit findet also nicht statt?
Gregorič: Einen solchen kann ich nicht erkennen. In den Arbeiten vieler junger slowenischer Architekten sehe ich vielmehr eine Neuinterpretation von Ansätzen slowenischer Architektur der 60er-Jahre – allen voran von Ravnikar. Wichtig sind wieder Dinge wie die Ausbildung von Details, der gezielte Einsatz von Materialien, der Umgang mit dem Kontext oder die Frage sozialer Verantwortung.

GAT: Dennoch besteht der Vorwurf, dass sich junge slowenische Architekten den heutigen Verhältnissen in Slowenien gegenüber weitgehend kritiklos verhalten.
Dekleva: Auch damit stimmen wir nicht überein. Gerade um Diskussion und Kritik in der Architektur ging es uns bei der Gründung von Trajekt [www.trajekt.org], einer Architekturplattform, die wir gemeinsam mit einigen anderen jungen slowenischen Architekten ins Leben gerufen haben. Trajekt bietet ein offenes Forum für Diskussionen über Architektur in Slowenien – sowohl für Fachleute als auch für Laien.
Gregorič: Andererseits sind wir sind da, um Probleme zu lösen. Nehmen Sie unseren Wohnbau in Sežana: Das ist ein kommerzielles Projekt mit einem äußerst geringen Budget, und dennoch konnten wir den Investor davon überzeugen, qualitative Wohnungen zu errichten, die soziale Aspekte integrieren.

GAT: Gibt es auch in diesem Projekt verhandelbare Räume?
Gregorič: In Sežana haben wir vor allem versucht, den Bewohnern ein hohes Maß an Flexibilität in den Wohnungen selbst zu bieten.
Dekleva: Allgemein lässt sich sagen, dass sich der slowenische Staat seit den 80er-Jahren aus seiner sozialen Verantwortung wie etwa dem Wohnbau weitgehend zurückgezogen hat. Heute wird in Slowenien hauptsächlich mit privaten Investoren gebaut, was verständlich ist, wenn man die politischen und ökonomischen Veränderungen bedenkt. Diese Veränderungen kann man schlecht kritisieren; dennoch könnte sich hier einiges verbessern. Denn im Unterschied zu privaten Investorenprojekten bieten etwa staatlich geförderte Wohnbauprogramme die Möglichkeit, etwas mehr Kultur ins Wohnen zu bringen.
Gregorič: Der slowenische Staat ist sich heute leider nicht bewusst, dass Architektur eine zentrale Rolle in der Gesellschaft spielen könnte. Es gibt kein nationales Interesse an Architektur, so wie es etwa noch in den 60er-Jahren der Fall war. Damals repräsentierte sich der Staat durch Architektur, und diese Architektur war noch dazu außerordentlich experimentell.
Dekleva: Jeder Staat braucht Architektur. Alle Regierungen in der Geschichte repräsentierten sich durch Architektur – unabhängig von ihrer politischen Haltung.

GAT: Könnte zeitgenössische Architektur für den Staat nicht auch im Sinne von Marketing interessant sein?
Gregorič: In Ljubljana ist Plečnik sicher immer noch die größte Marke. Seine Architektur ist momentan weit wichtiger als jede zeitgenössische Architektur – zumindest in touristischer Hinsicht. Das ist prinzipiell okay für uns. Ein Guggenheim Museum in Bilbao oder ein Kunsthaus Graz sind natürlich etwas anderes – sie sind aber auch kein relevantes Modell für Ljubljana. Eventuell wäre ein Weg wie in Kopenhagen interessant.
Dekleva: All diese Projekte entspringen aber nicht zuletzt auch einem politischen Willen.
Gregorič: Und dieser ist in Slowenien aufgrund der Dominanz privater Investoren nicht vorhanden. Was ich mir dennoch wünschen würde ist, dass der Staat die öffentlich finanzierten Projekte besser betreut – hinsichtlich der Organisation von Wettbewerben, hinsichtlich der Auswahl guter Projekte, hinsichtlich der Umsetzung qualitätsvoller Architektur. Slowenien ist ein kleines Land, wir haben nur ein Ljubljana. Jedes Gebäude zählt.




Nach Abschluss ihres Masters an der Architectural Association in London gründeten Aljoša Dekleva und Tina Gregoric 2003 das Büro Dekleva Gregoric; Arhitekti in Ljubljana. Tina Gregoric war zudem zwischen 2002 und 2004 an der TU Graz als Tutorin am Institut für Gebäudelehre von Prof. Hrvoje Njiric tätig.
Nach Abschluss ihres Masters an der Architectural Association in London gründeten Aljoša Dekleva und Tina Gregoric 2003 das Büro Dekleva Gregoric; Arhitekti in Ljubljana. Tina Gregoric war zudem zwischen 2002 und 2004 an der TU Graz als Tutorin am Institut für Gebäudelehre von Prof. Hrvoje Njiric tätig.


RAMTV's Diplomarbeit Negotiate My Boundary! wurde 2002 als Buch im Verlag AA Publications veröffentlicht. Im Mai 2006 erscheint die Wiederauflage des Buches im Verlag Birkhäuser. RAMTV sind Aljoša Dekleva, Manuela Gatto, Tina Gregoric, Robert Sedlak, Vasili Stroumpakos
RAMTV's Diplomarbeit Negotiate My Boundary! wurde 2002 als Buch im Verlag AA Publications veröffentlicht. Im Mai 2006 erscheint die Wiederauflage des Buches im Verlag Birkhäuser. RAMTV sind Aljoša Dekleva, Manuela Gatto, Tina Gregoric, Robert Sedlak, Vasili Stroumpakos


RAMTV: Negotiate My Boundary!: soziale Beziehungen unter zukünftigen Nachbarn
RAMTV: Negotiate My Boundary!: soziale Beziehungen unter zukünftigen Nachbarn


Dekleva Gregoric Arhitekti: Housing B, Ljubljana, Slowenien, 2005-. Offener Wettbewerb, 1. Preis, Projekt in Bau.
Dekleva Gregoric Arhitekti: Housing B, Ljubljana, Slowenien, 2005-. Offener Wettbewerb, 1. Preis, Projekt in Bau.


Dekleva Gregoric Arhitekti: Housing B, Ljubljana, Slowenien, 2005-. Gemeinschaftsräume: ein Partyraum, der auch als Kindergarten genutzt werden kann
Dekleva Gregoric Arhitekti: Housing B, Ljubljana, Slowenien, 2005-. Gemeinschaftsräume: ein Partyraum, der auch als Kindergarten genutzt werden kann


6.Dekleva Gregoric Arhitekti: Housing L, Sežana, Slowenien, 2004-05
6.Dekleva Gregoric Arhitekti: Housing L, Sežana, Slowenien, 2004-05




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