Hans Koren Gedenkjahr 2006


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SLO
terra incognita

Ein Projekt der Zentralvereinigung der Architekten Steiermark, Externe Verknüpfung Haus der Architektur Graz und Externe Verknüpfung GAT 

Konzeption: Špela Leskovic, Fabian Wallmüller, Michaela Wambacher

Slowenien, terra incognita. Zwei Jahre nach der Erweiterung der Europäischen Union ist Österreichs südliches Nachbarland ein aus österreichischer Perspektive immer noch weitgehend unbekanntes Territorium – auch in architektonischer Hinsicht. Dass dies nicht immer so war, zeigen kulturelle Initiativen wie der Trigon-Gedanke, dessen Erfinder Hanns Koren schon in den 60er-Jahren die Bedeutung der Steiermark als Ort kulturellen Austauschs im südosteuropäischen Raum erkannt hatte. Gerade in Hinblick auf die slowenische Architektur lohnt aber auch heute ein Blick über die Grenze, zumal sich in Slowenien gegenwärtig eine überaus lebendige und ebenso produktive junge Architekturszene entwickelt.



Externe Verknüpfung Die ZV, Zentralvereinigung der Architekten Österreichs, Sektion Steiermark [http://www.zv-steiermark.org/] veranstaltet daher im Rahmen von „auszeit – hanns-koren-bedenkjahr 2006“ in Kooperation mit dem Haus der Architektur Graz [Externe Verknüpfung http://www.hda-graz.at/index] und GAT – dem steirischen Internetportal für Architektur und Lebensraum [Externe Verknüpfung http://www.gat.st] die Diskussionsreihe und Interviewserie SLO, eine Annäherung an die aktuelle junge slowenische Architektur. Ab 29. März 2006 sind im Rahmen einer Diskussionsreihe Vertreter der jungen slowenischen Architekturgeneration eingeladen, im Haus der Architektur Graz über aktuelle architektonische Themen in Slowenien zu diskutieren. Dazu passend portraitiert GAT ab 15. März 2006 mit einer Interviewserie ausführlich die eingeladenen Architektenteams. Beide Programmpunkte werden darüber hinaus intensiv auf GAT medial begleitet.



Diskussionsreihe und Interviewserie sind Teil des Projekts „Architekturschwerpunkt 2006: Slowenien“, ein Themenschwerpunkt zur jungen slowenischen Architektur, den die ZV in Kooperation mit dem Haus der Architektur Graz, GAT und der Architekturdatenbank nextroom [hppt://www.nextroom.at/] im Jahr 2006 durchführt. Ziel ist es, Kontakt und Austausch mit den ehemaligen Trogon-Ländern erneut zu intensivieren. Für die kommenden Jahre ist daher die Fortsetzung der Reihe mit Themenschwerpunkten zu Architektur aus Kroatien und Friaul angedacht.



SLO: Diskussionsreihe im Haus der Architektur Graz

Das Haus der Architektur Graz veranstaltet ab 29. März 2006 eine Externe Verknüpfung Diskussionsreihe zur jungen slowenischen Architektur. An drei Abenden sind je ein international renommierter Architekturkritiker und zwei slowenische Architekturbüros eingeladen, aktuelle Themen und Fragestellungen zur jungen slowenischer Architektur zu diskutieren. Ziel der Diskussionsreihe ist eine Annäherung an architekturrelevante Themen Sloweniens, die auch für österreichisches Publikum von Interesse sind. Die einzelnen Gesprächsabende sind daher bewusst nicht als Projektpräsentationen, sondern als Diskussionsrunden unter Beteiligung des Publikums konzipiert.



Themen und Termine:

Mittwoch, 29.03.2006, 19 Uhr
Junge Slowenische Architektur: Kulturimport oder kritischer Regionalismus?
Teilnehmer: Andrej Hrausky, Architekturkritiker, Ljubljana Externe Verknüpfung [http://www2.arnes.si/~ljdessa1/index.shtml]. Die Namen der teilnehmenden Architekturbüros werden noch bekannt gegeben.

In Zentrum aktueller slowenischer Architektur steht heute eine Generation junger Architektinnen und Architekten, die nicht zuletzt aufgrund zahlreicher im Ausland absolvierter Postgraduate-Studien eine entschieden internationale Haltung vertritt. Dies hat ihr in Slowenien selbst ebensoviel Zustimmung wie Kritik eingebracht. Von unhinterfragtem Kulturimport und Aufgabe nationaler Identität ist die Rede. Einige Protagonisten der jungen Szene setzen daher ganz bewusst wieder auf Ausbildung im Inland und Fortsetzung lokaler Bautraditionen. Ein neuer (kritischer) Regionalismus?



Mittwoch, 26.04.2006, 19 Uhr
Medium Size City: Chancen der Stadtentwicklung in Ljubljana
Teilnehmer: Roemer van Toorn, Architekturkritiker, Niederlande. Die Namen der teilnehmenden Architekturbüros werden noch bekannt gegeben.

Ljubljana und Graz verbindet nicht nur eine jüngst fertig gestellte Autobahn, die die Distanz auf zwei Stunden Fahrtzeit schrumpfen lässt. Beide Orte befinden sich als mittelgroße Städte in einem überregionalen Konkurrenzkampf um die eigene Standortattraktivität. Während Graz auf Kultur setzt, ist die Imagebildung in Ljubljana im Aufbruch begriffen. Gerade das momentane Fehlen eindeutiger Bilder macht Sloweniens Hauptstadt derzeit zur Spielwiese von Investoren und Grundstücksspekulanten ebenso wie zum Experimentierfeld städtebaulicher Utopien. Ist Euphorie angesagt?



Mittwoch, 31.05.2005, 19 Uhr
Slowenien und Österreich: Jeder für sich oder gemeinsam stärker?
Teilnehmer: Andreas Ruby, Architekturkritiker, Köln [http://textbild.com]. Die Namen der teilnehmenden Architekturbüros werden noch bekannt gegeben.

Nicht nur historisch hat sich Slowenien stets als transitorische Kultur begriffen; auch heute ist das Land bei boomender Wirtschaftslage international orientiert. Dem überregionalen Anspruch vieler ehrgeiziger Bauvorhaben steht die eigentümlich nationale Geschlossenheit der slowenischen Architektenszene gegenüber, die wenig Interesse an der Bautätigkeit ausländischer Architekten in Slowenien zeigt. Aber auch bisher erfolgte Kooperationsprojekte zwischen Österreich und Slowenien verliefen zumeist im Sand. Im Sinne ähnlicher Interessenslagen beider Länder steht die Frage regionaler Partnerschaft aber dennoch im Raum. Gibt es ein gegenseitiges Interesse an regionaler Zusammenarbeit, und wie könnte diese aussehen?



Interviewserie auf GAT
In Annäherung an die junge slowenischen Architekturgeneration portraitiert GAT eine Auswahl junger slowenischer Architekturgruppierungen ausführlich mit einer Interviewserie. Aksl [Externe Verknüpfung http://www.aksl.org/], Dekleva Gregorič [Externe Verknüpfung http://www.dekleva-gregoric.com], Enota [Externe Verknüpfung http://www.enota.si], Bevk Perović und Sadar Vuga [Externe Verknüpfung http://www.sadarvuga.com] kommen dabei zu Wort. Im Zentrum der Gespräche stehen neben dem architektonischen Schaffen vor allem die individuelle Positionen, Standpunkte und Strategien der jungen Architektinnen und Architekten. Die Interviewserie wird durch einen Artikel des renommierten slowenischen Architekturtheoretikers Andrej Hrausky eingeleitet, der die aktuellen Tendenzen slowenischer Architektur in ihren regionalen historischen Kontext einbettet. Die Interviews erscheinen auf GAT im Zeitraum zwischen 15. März und 15. Mai 2006.



ARCHITEKTURSCHWERPUNKT 2006: SLOWENIEN

Rückblick SLO}{discussions

Im Rahmen des Projekts Architekturschwerpunkt 2006: Slowenien veranstaltete die Zentralvereinigung der Architekten Steiermark im Frühjahr 2006 das Programm-Modul 4/7: Diskussionsreihe SLO}{discussions zur jungen slowenischen Architektur. An drei Veranstaltungsabenden wurden je zwei slowenische Architekturbüros und ein internationaler Architekturtheoretiker nach Graz eingeladen, um aktuelle Themen und Fragestellungen zur slowenischen Architektur zu diskutieren. Zentraler Gedanke der Diskussionsreihe war die Annäherung an architekturrelevante Themen Sloweniens, die auch für österreichisches Publikum von Interesse sind. Ziel war es, Kontakt und Austausch zwischen Österreich und Slowenien auf dem Gebiet der Architektur zu intensivieren, sowie Möglichkeiten zukünftiger länderübergreifender Kooperationsprojekte auszuloten.

 Die einzelnen Gesprächsabende wurden daher bewusst nicht als Projektpräsentationen, sondern als Diskussionsrunden unter Beteiligung des Publikums konzipiert. Die Gäste des Podiums wurden eingeladen, in Eingangsstatements zum jeweiligen Thema des Abends Stellung zu nehmen und dieses daraufhin gemeinsam mit dem Publikum zu diskutieren. Die Themen der drei Abende: das Wiederaufkeimen eines kritischen Regionalismus in der jungen slowenischen Architektur (29. März 2006), Chancen der Stadtentwicklung in Ljubljana (26. April 2006), sowie Möglichkeiten länderübergreifender Kooperationsprojekte zwischen Österreich und Slowenien (31. Mai 2006) boten Anlass zur vielfältigen Auseinandersetzung.

 Zu den Gästen am Podium zählten slowenische Architekturgruppierungen wie etwa die Büros Sadar Vuga, Dekleva Gregorič, Monochrome Architects oder Bevk Perović arhitekti, die in jüngster Zeit mit zahlreichen Preisen wie dem Piranesi-Preis, dem Jože Plečnik-Preis oder dem europäischen Stahlbaupreis ausgezeichnet wurden. Als Architekturkritiker konnten mit Andrej Hrausky (SLO), Roemer van Toorn (NL) und Andreas Ruby (D) profunde Kenner der slowenischen Architekturszene gewonnen werden.

 Aufgrund der geographischen Nähe zu Slowenien richtete sich die Veranstaltung nicht nur an Architekturinteressierte aus Österreich, sondern auch an das slowenische Publikum, dem auf diese Weise die österreichische Szene bekannt gemacht werden konnte.

 Die Veranstaltungsreihe wurde auf dem steirischen Internetportal für Architektur und Lebensraum www.gat.st ausführlich dokumentiert und medial begleitet. Interviews mit den Architekturschaffenden, Projektpräsentationen und Analysen der Vorträge ergaben eine nachhaltige Aufarbeitung der slowenischen Architekturszene für ein breites, internationales Publikum.

 





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VORHER & NACHHER

In den vergangenen fünfzehn Jahren kam es in Slowenien zu zahlreichen tiefgreifenden Veränderungen. 1991 wechselte das politische System, Slowenien wurde ein unabhängiger Staat. 2004 trat das Land der EU bei. Dieser Wandel in der Gesellschaft muss auch in der Architektur seine Spuren hinterlassen haben. Unter diesem Aspekt können wir die Frage nach dem „Vorher" und „Nachher" nicht vermeiden. Was war also vorher? Man könnte sagen, es war nicht ganz so schlecht wie man sich das vielleicht vorstellt, vor allem in der Architektur. Der Sozialismus im alten Jugoslawien wollte eine neue Gesellschaft schaffen. Die Architektur spielte bei diesem Prozess eine wichtige Rolle. Neue Lebensweisen erforderten auch neue Siedlungen, Wohnungen, Häuser etc., und die sollten auf „moderne" Art und Weise gebaut werden. Alte historische Architektur wurde als Symbol für die alte Zeit betrachtet, die es zu überwinden galt. Nach dem Zweiten Weltkrieg erklärte Stalin, dass die offizielle sozialistische Kunst, der so genannte „Realsoz" (*), die westlichen Ideale hinwegschwemmen sollte, und damit ging eine Hinwendung zur klassischen Monumentalität einher. 1948 aber wandte sich der jugoslawische Präsident Tito von seinem mächtigen sowjetischen „Vater" ab und von einem Tag auf den anderen wurden die russischen Einflüsse verbannt. Diese Situation diente einer jüngeren Architektengeneration als Vorwand für ihre moderne Architektur. Auch westliche Einflüsse waren politisch unkorrekt, und so nahm man mit Ländern Kontakt auf, die sich im Zweiten Weltkrieg neutral verhalten hatten: mit der Schweiz und mit Skandinavien, wo in der Nachkriegszeit die fortschrittlichste Architektur gebaut wurde. Die Zeit zwischen 1950 und 1970 war für die Architektur in Slowenien insofern günstig, weil die Architekten die offizielle Aufgabe hatten, ein neues Land aufzubauen; sie waren damit in einer Position, von der man heute nur träumen kann.

Von dieser führenden Position der Architektur in der Gesellschaft sind wir heute in eine Lage geraten, in der wir uns von den meisten Investoren sagen lassen müssen, dass die Architektur überflüssig sei, ein unnötiges Hindernis auf dem Weg zu profitablen Investitionen. Trotzdem verbessert sich die Qualität der Gegenwartsarchitektur ständig. Das ist nicht etwa auf günstige Umstände ihrer Entstehung, sondern auf die persönliche Reaktion der Architekten zurückzuführen, die an den Westen anschließen wollen. Die Architekten in Slowenien haben wie in anderen vormals sozialistischen Staaten eine Art Vision: die, nach so vielen Jahren der Ungleichheit endlich mit den alten Nationen der Europäischen Union gleichzuziehen. Die Umstände haben sich grundlegend verändert. Die Slowenen als Teil des sozialistischen Jugoslawiens konnten in das Ausland reisen, aber das war teuer. Sie konnten im Ausland studieren, aber die meisten Stipendien gingen an dem Belgrader Regime nahe stehende Leute. Es war auch möglich, ausländische Bautechnologien oder Materialien zu importieren, aber diese waren hoch besteuert. All das ist nun mit der Politik anders geworden. Alle Technologien, Daten und Informationen sind verfügbar, die Jugendlichen können zum Studieren in das Ausland gehen oder zumindest an internationalen Workshops teilnehmen.

Gibt es eine slowenische Architektur?
Als Slowenien der EU beitrat, nahm das Interesse an seiner Kultur und Architektur stark zu. Wenn wir die Arbeiten unserer jungen Generation im Ausland zeigen, wird immer die Frage nach slowenischen Charakteristiken in ihrer Arbeit gestellt. Kritiker sagen, dass sie zu international sind. Was erwarten sie? Eine romantische Entwicklung, ein Relikt der Vergangenheit im 21. Jahrhundert? Die Frage ist jedoch komplizierter als sie auf den ersten Blick erscheinen mag. Zunächst einmal: Architektur war immer ein globales Phänomen. Stile wie Gotik oder Barock etc. waren nicht auf eine Region beschränkt und folgten überall in der westlichen Welt den gleichen Regeln. Slowenien hat aber eine leicht andere Tradition: die Jože Plečniks (1872-1957). In der Zeit, als Le Corbusier bereits seine fünf Regeln für neue Architektur publizierte, wäre es sehr einfach gewesen, ihn zu kopieren, wie das die meisten Architekten damals ja auch taten. Nicht so Plečnik: er folgte einem sehr unsicheren und individuellen Weg auf der Suche nach der dauerhaften Architektur (er nannte sie architectura perennis). Er war gegen die schnelllebigen „Moden", überzeugt aber noch heute. Sogar die Hardliner der Rationalen aus der Schweiz bewundern sie heute. Das war der slowenische Weg und er endete nicht mit Plečnik. Vor dem Zweiten Weltkrieg arbeiteten sieben junge slowenische Architekten im Büro von Le Corbusier in Paris. Sie waren aber damals zu jung, um auf die slowenische Architektur Einfluss zu nehmen. Ihr Einfluss kam erst nach dem Krieg. Der wichtigste unter diesen Architekten war Edvard Ravnikar (1907 - 1993), ein junger Vorkriegsstudent Jože Plečniks, der zur zentralen Figur auf der Architekturfakultät Ljubljanas wurde. Inspiriert von Plečnik und Skandinavien, speziell von Alvar Aalto, versuchte er, eine regionale Variante des Internationalen Stils zu entwickeln.

Die junge Generation
Wir haben jetzt eine jüngere Architektengeneration, die bereits unter den geänderten politischen Umständen ausgebildet wurden. Ihr Betätigungsfeld ist viel internationaler und ehrgeiziger. Obwohl im Ausland ausgebildet, kehren die meisten von ihnen nach Slowenien zurück. Diese Sixpack-Generation (der Name stammt vom Titel einer Ausstellung, in deren Rahmen sechs junge Büros vorgestellt wurden) überraschte die zur Selbstgefälligkeit neigende Architekturszene insofern, als sie mehrere wichtige Wettbewerbe gewann. Relativ junge Architekten wurden mit großen Projekten betraut, was unter ihren KollegInnen im Ausland großes Interesse hervorrief. Plötzlich galt Slowenien als Land, in dem junge ArchitektInnen große Chancen hatten (was leicht übertrieben war). Jurij Sadar (Jg. 1963), Tadej Glažar (Jg. 1964), Vasa Perović (Jg. 1965), Boštan Vuga (Jg. 1966), Matija Bevk (Jg. 1972), Aljoša Dekleva (Jg. 1972) und Tina Gregorič (Jg. 1974) studierten an der AA in London oder am Berlage Institut in Amsterdam, von wo sie frische Architekturideen, aber auch eine gute Portion Selbstvertrauen mit nach Hause brachten. Sie gewannen mehrere Preise im Ausland und sind in den Medien präsent. Die jüngste Generation ist aber bereits am Sprung: AA Kultura mit einem Wohnbau in Portorož, AKSL mit Innenraumprojekten oder Prostorož mit kleinen städtebaulichen Projekten. Sie unterscheiden sich von ihren Vorgängern vor allem durch die tiefe kulturelle Verantwortung in ihren Arbeiten. Sie betrachten ihre Arbeiten nicht als Architektur, sondern stellen sie in einen breiteren kulturellen Kontext. Die Verantwortung eines Architekten gegenüber seinem sozialen Kontext ist eine Tugend, die über Jahrzehnte hindurch als verloren galt.

(*) Der Ausdruck Sozialistischer Realismus bezeichnet eine Stilrichtung der sozialistischen Kunst, die 1932 vom Zentralkomitee der KPdSU als Richtlinie für Literatur, bildende Kunst und Musik beschlossen und die später für das gesamte sozialistische System verbindlich wurde. Der Sozialistische Realismus als offizielle Doktrin dominierte die sowjetische Kunst bis zum Zusammenbruch der Sowjetunion in den späten 80er Jahren des 20. Jahrhunderts. Die stärksten Auswirkungen hatte er in der direkten Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg; erst nach Stalins Tod 1953 wurden die Vorgaben etwas gelockert.

BIOGRAFISCHE NOTIZ > Andrej Hrausky
Hrausky studierte an der Architekturfakultät Ljubljana. Seit Abschluss seines Studiums ist er als Architekturkritiker, Ausstellungskurator, Publizist und Vortragender mit dem Forschungsschwerpunkt „Slowenische Architektur" tätig. Er ist seit 1975 Mitglied des Herausgeberteams des Architekturmagazins AB und seit 1982 Direktor der Galerija Dessa in Ljubljana. Seit 1990 leitet er das Architekturbüro Arhe. Er organisierte mehr als 150 Ausstellungen in Ljubljana und im Ausland und hielt weltweit Vorträge über slowenische Architektur. Hrausky veröffentlicht in internationalen Architekturzeitschriften wie Arch (Bratislava), architektur.aktuell (Wien), oder Domus (Mailand) und verfasste mehrere Bücher. Hrausky ist auch als Juror für internationale Architekturpreise und -wettbewerbe tätig. 2004 war er Kommissär Sloweniens bei der Architekturbiennale in Venedig.



Gegen den Strom

AKSL arhitekti, im Jahr 2000 von Aleš Košak und Špela Leskovic in Ljubljana gegründet, sowie AA Kultura, seit 2002 von Marko Apollonio und Nina Crljenko in Koper geführt, zählen zur jüngsten Architektengeneration in Slowenien. Dennoch zeichnen sich beide Büros weniger durch jugendlichen Überschwang denn durch eine ebenso ernsthafte wie kritische Haltung aus. Über Gehirnwäsche, Identität und Superstars: GAT traf Aleš Košak, Špela Leskovic und Marko Apollonio zum Gespräch.

GAT: Der niederländische Architekturkritiker Roemer van Toorn hat einmal beobachtet, dass in Slowenien Perfektion eine nicht unwesentliche Rolle spielt. So würden Slowenen beispielsweise überdurchschnittlich oft ihr Auto waschen; aber auch in der Architektur sieht van Toorn einen Hang zum Trendigen, zur Perfektion. Wenn man sich hier im Büro von AKSL umschaut, ist alles sauberst aufgeräumt. Seid ihr das perfekte slowenische Büro?
AKSL: Na ja, eigentlich könnten wir noch viel perfekter sein. Es stimmt schon, auch unsere Eltern waschen täglich ihr Auto - aber die Art, wie wir in unserem Büro arbeiten, hat mehr mit unserer Persönlichkeit und weniger mit Trends zu tun. Wir mögen es sauber und organisiert.
AA Kultura: Bei mir ist das umgekehrt: Ich habe kein Büro. Ich hasse Büros. Wenn Du den ganzen Tag dort bist, ist das wie im Gefängnis. Ich arbeite ortlos, in einem Netzwerk mit unterschiedlichen Leuten - wie in einem Videospiel. Ich habe mittlerweile fast mein gesamtes Büromaterial im Auto, weil ich herausgefunden habe, dass ich die Dinge früher bei Bedarf nie dabei hatte - jetzt sind sie immer griffbereit. Darüber hinsaus richten wir gerade in der Altstadt von Koper ein Café ein - mit einem gläsernen Besprechungsraum. Denn normalerweise treffen wir unsere Kunden ja auch im Café oder Restaurant.

GAT: Sie sehen also Architektur als etwas Öffentliches, das auch im öffentlichen Raum erarbeitet werden soll?
AA Kultura: Architektur ist ein Prozess. Ein Gebäude wird niemals so gebaut wie es gezeichnet wurde. Wenn das so wäre, wäre Architektur kein Prozess, und das Gebäude hätte keine Seele - es wäre immer nur ein Teil der Persönlichkeit des Architekten. Ich glaube, je mehr Leute in einem Prozess beteiligt sind, desto besser ist das Resultat. Architektur ist ein Zusammenspiel unterschiedlicher Ideen, jener der Investoren, der Architekten, der ausführenden Firmen.

GAT: AKSL und AA Kultura gehören zur jüngsten Generation slowenischer Architekturbüros. Im Unterschied zur Kollegenschaft, die nach dem Studium in Slowenien in vielen Fällen ein Postgraduate-Studium an der AA in London oder am Berlage Institut in Rotterdam absolvierte, haben Sie Ihre Ausbildung ausschließlich in Slowenien genossen. Eine bewusste Entscheidung?
AA Kultura: Es war eine bewusste Entscheidung - auch gegen den Mainstream. In der Architektur arbeiten wir mit Raum, mit Kultur, mit der Kultur der Leute. Wenn Du nicht direkt mit den Leuten arbeitest, kannst Du auch nicht für sie bauen. Dann baust Du nur Satelliten Deiner selbst, die mit dem Ort an dem sie stehen nichts zu tun haben. Ich finde das einen interessanten Gedanken: Sollte ich einmal in einer anderen Gegend bauen, ziehe ich auch dorthin. So kann ich mein Denken verändern.
AKSL: Für uns war immer klar, dass wir nach der Universität selbständig arbeiten würden. Das können wir jetzt sehr gut auch ohne ein Postgraduate-Studium tun, zumal ein Postgraduate-Studium ja auch nichts anderes ist als ein Arbeiten an sich selbst. Wir wissen, dass wir an neuen Dingen interessiert sind, dass wir Neues kennen lernen möchten: Unsere Idee ist es, durch die gemeinsame Arbeit als Architekten zu wachsen. Außerdem gab es nie den richtigen Zeitpunkt um ins Ausland zu gehen, da wir laufend an Projekten arbeiten. Denn was passiert, wenn Du ins Ausland gehst? Du lernst neue Dinge kennen, aber Du bist auch nicht mehr im Architekturgeschehen Sloweniens präsent.

GAT: Sind Sie schon zu dick im Geschäft?
AKSL: Wir versuchen derzeit eher, über Projekte mit dem Ausland zu kooperieren, etwa mit Firmen im Bereich der Holztechnologie. Österreich, Slowenien, die Schweiz: Seit es Internet gibt, ist das ja alles ein kleiner Raum geworden.

GAT: Dennoch: Könnte ein Auslandsaufenthalt nicht auch die Gelegenheit bieten, die eigene Arbeit zu reflektieren?
AKSL: Das ist sicher ein guter Punkt. Die Frage ist: Brauche ich dafür die Kilometer und den Wechsel der Sprache?
AA Kultura: Ich kann um die ganze Welt reisen - oder ich kann zuhause ein Buch lesen und mir meine eigenen Gedanke machen. Ich brauche auch niemanden, der mir einen Gedanken erklärt. Denn das ist Indoktrination, Gehirnwäsche - und davor habe ich ein bisschen Angst. Ich liebe es, einen freien Geist zu haben.
AKSL: Und mit einem freien Geist können wir auch bessere Ergebnisse in der Architektur erwarten. Der architektonische Output jener Kollegen, die nach dem Studium an einer Schule im Ausland waren, ist zwar neu, aber die Projekte sind sich auch in gewisser Weise ähnlich. Wenn Du jedoch in Dir selbst suchst und in den Dingen die Dich umgeben, entstehen einzigartige Antworten, und somit einzigartige Architekturen. Das sind dann keine gebauten Manifeste mehr, die Du irgendwo gehört hast und nun reproduzierst; es ist Dein eigener Ausdruck. Das schätzen wir am meisten.
AA Kultura: Architektur ist keine Mode. Wenn Du ein Gebäude baust, wird es für hundert Jahre stehen. Wenn Du ein Manifest baust, besteht die Gefahr, dass es die Leute nach einiger Zeit nicht mehr verstehen, weil sie den Gedanken dahinter nicht mehr kennen. Ich habe ein Problem in der Architektur: Ich hasse es, wenn Architektur formal gedacht wird.

GAT: Steht hinter Ihrer Haltung auch die Frage nach einer slowenischen Identität?
AKSL: Slowenien war immer ein Teil eines größeren Gebildes; war es früher Jugoslawien, ist es heute die Europäische Union. Trotzdem gab es immer ein Slowenien. Auch wenn die Grenzen heute offen sind: Es gibt da etwas, das noch immer einzigartig ist, und so etwas sollte bleiben. Denn dies macht auch Europa interessanter.
AA Kultura: Die Frage der Identität hat in der Architektur Sloweniens schon immer eine große Rolle gespielt. Schon Plečnik hat gesagt: Denken ist international, Handeln aber immer lokal. Heute gibt es in Slowenien zwei große architektonische Strömungen: die Revolutionäre, die sehr stark sind und in der internationalen Szene auftreten wollen - und die Traditionalisten, denen eine solche Präsenz egal ist. Eine dritte Position könnte für die Zukunft nützlich sein.

GAT: Ihnen ist die internationale Szene also egal?
AA Kultura: Momentan ist mir das jedenfalls nicht wichtig. Ich will kein Superstar sein.
AKSL: Wir können darin auch keinen Nutzen für die Allgemeinheit erkennen. Denn als Superstar bist Du auch ein Gefangener des Kapitals. Ich sage nicht, dass Architekten arm sein sollen - natürlich sollst Du für Deine Arbeit bezahlt werden. Aber man muss zu einem Investor auch „Nein" sagen können - auch auf die Gefahr hin, einen Job zu verlieren. Unser oberstes Ziel sollte es sein, Architektur zu vermitteln, dem Kunden neue Potentiale zu zeigen. Das wäre für mich ein Superstar-Architekt: Jemand, der einen Kunden so überzeugt, dass dieser mit seinem Geld etwas für die Allgemeinheit baut.



Back to the roots

Wie viele ihrer slowenischen Kollegen haben auch die Architekten Aljoša Dekleva und Tina Gregorič ein Postgraduate-Studium im Ausland absolviert. Wieder zurück in Slowenien, vertreten sie heute eine entschieden internationale Haltung. 2003 gründeten sie das Büro Dekleva Gregorič Arhitekti in Ljubljana, 2004 erregten sie gemeinsam mit fünf weiteren jungen Büros Aufmerksamkeit, als ihre Arbeiten im Rahmen der Ausstellung „Sixpack" weltweit gezeigt wurden. In Slowenien selbst wird den quasi über Nacht bekannt gewordenen Büros ebensoviel Zustimmung wie Kritik zuteil. Von unhinterfragtem Kulturimport und Aufgabe nationaler Identität ist die Rede. Fand hier ein Bruch mit der eigenen Vergangenheit statt? GAT sprach mit Aljoša Dekleva und Tina Gregorič.

GAT: Die Architectural Association in London und das Berlage Institut in Rotterdam spielen in der Ausbildung der jungen Generation slowenischer Architektinnen und Architekten eine zentrale Rolle. Auch Sie haben an der AA ein Postgraduate-Studium absolviert. Waren Sie mit der Ausbildungssituation in Slowenien unzufrieden?
Dekleva: Nein, ganz im Gegenteil. Im Vergleich mit anderen Universitäten zeigt sich immer wieder, dass die Architekturschule in Ljubljana den Studenten vor allem die Fähigkeit vermittelt, selbständig zu denken.
Gregorič: Am Anfang unseres Postgraduate-Studiums stand eigentlich mehr die Idee, ins Ausland zu gehen - der Erfahrung wegen. Einfach zu sehen, wie es dort ist. Und wir mochten London. Freilich: Als wir dann dort studierten, waren wir fast die ganze Zeit an der Schule.
Dekleva: Was die AA interessant macht, ist die ständige Infragestellung Deiner Arbeit durch externe Kritiker. Du präsentierst permanent Deine Projekte, musst Dich verteidigen und Deine Argumente schärfen. Wenn wir in Ljubljana gelernt haben eigenständig zu denken, dann haben wir an der AA gelernt, unsere Arbeit auch zu argumentieren.
Gregorič: Haben Sie eigentlich unser Buch gesehen?

GAT: Sie haben ein Buch geschrieben?
Gregorič: "Negotiate My Boundary!" - unsere Diplomarbeit. Sie wurde als Buch herausgegeben.
Dekleva: Die Arbeit reinterpretiert im Grunde die Idee der Partizipation der 60er-Jahre. Doch was bedeutet das heute? Negotiate My Boundary! nützt die moderne Technik und verlagert die Mitbestimmung an Planungsprozessen ins Internet. Dort kann man als zukünftiger Bewohner nicht nur interaktiv Einfluss auf die Typologie eines Hauses nehmen - wie sich beispielsweise der Bezug zum Außenraum gestaltet, welche Blickbeziehungen man haben möchte. Im Internet formen die Bewohner auch eine Art Club, wo sie lange vor Fertigstellung des Gebäudes die Bespielung von Räumen verhandeln, die zur gemeinschaftlichen Nutzung vorgesehen sind.
Gregorič: Das Buch war bereits sechs Monate nach Erscheinen ausverkauft, und wir haben mehrere internationale Preise dafür bekommen. Ich glaube, dass wir damit tatsächlich ein Thema aufgegriffen haben, das viele interessiert - vor allem, was soziale und interaktive Aspekte betrifft. Wie kann ich ein Gebäude meinen Bedürfnissen anpassen, und wo liegen die Grenzen?

GAT: Gibt es schon Ansätze, diese Ideen auch real zu umzusetzen?
Dekleva: Ansätze gibt es überall. Für den slowenischen Wohnbaufonds erarbeiten wir zum Beispiel gerade ein Wohnbauprojekt, das bestimmte Räume zur gemeinschaftlichen Nutzung durch die Nachbarn vorsieht. Methoden kundenspezifischer Anpassung lassen sich aber auch außerhalb der Architektur beobachten. Seit beispielsweise Computer online verkauft werden, kannst Du alle Komponenten - Motherboard, Grafikkarten etc. - frei wählen. Nike konzipiert gerade einen Schuh, den Du Dir aus verschiedenen Modellen zusammenstellen kannst. Von diesen Dingen ist es nur ein kleiner Schritt zur Architektur.
Gregorič: Architektur ist mehr als nur Form. Uns interessiert das Zusammenspiel mit den Bewohnern, die Beeinflussung sozialer Prozesse. Alle unsere Projekte beginnen bei diesem Punkt.

GAT: Die jungen slowenischen Architekten wurden ja in letzter Zeit wiederholt dafür kritisiert, dass sie weniger an sozialen oder gesellschaftlichen Problemen interessiert seien als am medialen Effekt ihrer Architektur. Der slowenische Architekturkritiker Miha Dešman meinte sogar, hier würden globale Trends durch das Prinzip des „Copy and Paste" auf Slowenien übertragen. Sie scheinen hier eine andere Position einzunehmen.
Gregorič: Diese Kritiken sind sicher nicht ganz unberechtigt. In unseren Arbeiten wird allerdings deutlich, dass der soziale Aspekt eine wesentliche Rolle spielt. Wir verstehen unsere Arbeit sicher nicht als Import fremder Ideen. Als wir an die AA gingen, wussten wir im Grunde bereits, was wir wollen; wir haben also unser Denken dort nur weiterverfolgt. An der AA wurden wir sogar kritisiert, dass wir eine zu europäische Herangehensweise und keine globale hätten.
Dekleva: Jože Plečnik studierte in Wien bei Wagner - und baute danach in Slowenien Architektur, die jeder schätzt. Edvard Ravnikar, Plečniks Schüler, arbeitete bei Le Corbusier - trotzdem ist Ravnikars Architektur tief in der slowenischen verwurzelt.
Gregorič: Ein langer Auslandsaufenthalt bietet einfach die Möglichkeit, einen kritischen Blick für die Geschehnisse zu Hause zu entwickeln. Aus der Distanz siehst Du die Dinge klarer. Gerade deswegen schätzen wir auch heute unsere Wurzeln mehr als wenn wir hier geblieben wären.

GAT: Der vielbeschworene Bruch mit der Vergangenheit findet also nicht statt?
Gregorič: Einen solchen kann ich nicht erkennen. In den Arbeiten vieler junger slowenischer Architekten sehe ich vielmehr eine Neuinterpretation von Ansätzen slowenischer Architektur der 60er-Jahre - allen voran von Ravnikar. Wichtig sind wieder Dinge wie die Ausbildung von Details, der gezielte Einsatz von Materialien, der Umgang mit dem Kontext oder die Frage sozialer Verantwortung.

GAT: Dennoch besteht der Vorwurf, dass sich junge slowenische Architekten den heutigen Verhältnissen in Slowenien gegenüber weitgehend kritiklos verhalten.
Dekleva: Auch damit stimmen wir nicht überein. Gerade um Diskussion und Kritik in der Architektur ging es uns bei der Gründung von Trajekt [www.trajekt.org], einer Architekturplattform, die wir gemeinsam mit einigen anderen jungen slowenischen Architekten ins Leben gerufen haben. Trajekt bietet ein offenes Forum für Diskussionen über Architektur in Slowenien - sowohl für Fachleute als auch für Laien.
Gregorič: Andererseits sind wir sind da, um Probleme zu lösen. Nehmen Sie unseren Wohnbau in Sežana: Das ist ein kommerzielles Projekt mit einem äußerst geringen Budget, und dennoch konnten wir den Investor davon überzeugen, qualitative Wohnungen zu errichten, die soziale Aspekte integrieren.

GAT: Gibt es auch in diesem Projekt verhandelbare Räume?
Gregorič: In Sežana haben wir vor allem versucht, den Bewohnern ein hohes Maß an Flexibilität in den Wohnungen selbst zu bieten.
Dekleva: Allgemein lässt sich sagen, dass sich der slowenische Staat seit den 80er-Jahren aus seiner sozialen Verantwortung wie etwa dem Wohnbau weitgehend zurückgezogen hat. Heute wird in Slowenien hauptsächlich mit privaten Investoren gebaut, was verständlich ist, wenn man die politischen und ökonomischen Veränderungen bedenkt. Diese Veränderungen kann man schlecht kritisieren; dennoch könnte sich hier einiges verbessern. Denn im Unterschied zu privaten Investorenprojekten bieten etwa staatlich geförderte Wohnbauprogramme die Möglichkeit, etwas mehr Kultur ins Wohnen zu bringen.
Gregorič: Der slowenische Staat ist sich heute leider nicht bewusst, dass Architektur eine zentrale Rolle in der Gesellschaft spielen könnte. Es gibt kein nationales Interesse an Architektur, so wie es etwa noch in den 60er-Jahren der Fall war. Damals repräsentierte sich der Staat durch Architektur, und diese Architektur war noch dazu außerordentlich experimentell.
Dekleva: Jeder Staat braucht Architektur. Alle Regierungen in der Geschichte repräsentierten sich durch Architektur - unabhängig von ihrer politischen Haltung.

GAT: Könnte zeitgenössische Architektur für den Staat nicht auch im Sinne von Marketing interessant sein?
Gregorič: In Ljubljana ist Plečnik sicher immer noch die größte Marke. Seine Architektur ist momentan weit wichtiger als jede zeitgenössische Architektur - zumindest in touristischer Hinsicht. Das ist prinzipiell okay für uns. Ein Guggenheim Museum in Bilbao oder ein Kunsthaus Graz sind natürlich etwas anderes - sie sind aber auch kein relevantes Modell für Ljubljana. Eventuell wäre ein Weg wie in Kopenhagen interessant.
Dekleva: All diese Projekte entspringen aber nicht zuletzt auch einem politischen Willen.
Gregorič: Und dieser ist in Slowenien aufgrund der Dominanz privater Investoren nicht vorhanden. Was ich mir dennoch wünschen würde ist, dass der Staat die öffentlich finanzierten Projekte besser betreut - hinsichtlich der Organisation von Wettbewerben, hinsichtlich der Auswahl guter Projekte, hinsichtlich der Umsetzung qualitätsvoller Architektur. Slowenien ist ein kleines Land, wir haben nur ein Ljubljana. Jedes Gebäude zählt.



Architektur heißt Verantwortung

Die Erfolgsbilanz von Bevk in Perović Arhitekti liest sich eindrucksvoll: Gegründet 1997 in Ljubljana, realisierte das Büro in der relativ kurzen Zeit seines Bestehens eine beachtliche Anzahl an Projekten, wovon nicht wenige aus gewonnenen Wettbewerben hervorgegangen sind. Die Arbeiten des Duos wurden mit zahlreichen Preisen ausgezeichnet und erhielten breites mediales Echo. Dennoch zeichnen sich die beiden Architekten durch Bescheidenheit aus. Architektur verstehen sie vor allem als Verantwortung: gesellschaftlich, politisch, sozial. Matija Bevk und Vasa J. Perović im Gespräch.

GAT: Bevk in Perović zählt zu den bemerkenswertesten Büros der jungen slowenischen Architekturszene. Im Internet wird man allerdings kaum nach Ihnen fündig. Im Unterschied zu Ihrer Kollegenschaft scheint Ihnen ein Webauftritt nicht wichtig zu sein. Ist Ihre Zurückhaltung Programm?
Perović: Ich weiß, wir sollten eine Homepage haben - das ist ja heute beinahe unausweichlich. Unser Problem ist aber, dass das Büro gerade einen Boom erlebt und wir für eine Homepage einfach keine Zeit finden.
Bevk: Man sollte auch zuerst etwas tun bevor man etwas zeigt.
Perović: Anders gesagt: Wir sind in der glücklichen Lage produzieren zu können, anstelle Ideen im Internet zu präsentieren.

GAT: Sie legen also auf Kommunikation keinen großen Wert?
Perović: Selbstverständlich muss man seine Ideen auch kommunizieren. Nicht so sehr im Sinn von Werbung, sondern um das, was man denkt und tut zur Diskussion zu stellen. Freilich: Manche Büros präsentieren ganze Archive ihrer Arbeiten im Internet. Da wird die Präsentation selbst schon zum Projekt. Letztendlich sind es aber die Gebäude, die wir sehen, nicht?
Bevk: Wesentlicher ist für uns die Kommunikation mit unseren Kunden, die konstruktive Zusammenarbeit im Laufe der Projektentwicklung.
Perović: Trotzdem würde ich nicht sagen, dass unsere Arbeit darauf abzielt, unsere Kunden glücklich zu machen. Unsere Projekte brauchen viel Zeit - nicht in der Ausführung, sondern in der Konzeption. In dieser Hinsicht arbeiten wir also nicht besonders schnell. Die Konzeption bindet unsere Auftraggeber selbstverständlich mit ein. Wenn sie dann auch noch glücklich sind, ist das gut. Aber Glück ist nicht das Motto.
Bevk: Unser Motto ist es eher, architektonische Typologien zu erarbeiten. Etwas Interessantes zu bauen - nicht in formaler, sondern architektonischer Hinsicht. Nicht im Sinne eines schnellen Bildes, sondern im Sinn des Zusammenspiels von Räumen, der Abstimmung eines Gebäude auf einen Ort.
Perović: Eine Frage: Glauben Sie, dass das Bild in unseren Gebäuden eine große Rolle spielt?

GAT: Ich glaube ja. Bei Ihrem Wohnbau in Polje beispielsweise ist die Fassade ja außerordentlich präsent.
Perović: Polje kann aufgrund seiner Fassade tatsächlich missverstanden werden. Freilich, heute leben wir in einer Zeit, in der wir mit Bildern kommunizieren. Da kann es leicht passieren, dass andere Inhalte verloren gehen. In Polje war uns beispielsweise wichtig, die städtebaulichen Vorgaben zu brechen und den Gebäuden über die Ausbildung der Dächer ein neues Profil zu geben. Generell glauben wir, dass Gebäude auf unterschiedliche Arten lesbar sein sollten. Was etwa die Fassade in Polje betrifft, dachten viele Leute sofort an Plečnik, andere an Semper, wiederum andere an ein Zitat des nahe gelegenen Güterbahnhofs. Ab einem gewissen Punkt hat uns die Fassade sogar Sorgen bereitet, weil sie aus unserer Sicht für das Projekt nicht wichtig ist.

GAT: Dennoch scheint in Ihren Arbeiten das Detail eine große Rolle zu spielen.
Perović: Als wir unser Büro vor neun Jahren starteten, hatte Slowenien gerade die tief greifende Wandlung zum kapitalistischen System hinter sich. Und während in den ersten Jahren der Unabhängigkeit die Bautätigkeit enorme Ausmaße erreichte, litt die Qualität der Ausführung. Handwerkliche Fähigkeiten, die teilweise noch aus den 50er Jahren stammten, gingen völlig verloren. Matija und ich interessierten uns zu dieser Zeit für das klassische Bauen. Wie Dinge gemacht werden, wie sie sich über die Zeit verändern. Uns war wichtig, die Idee des architektonischen Details wieder einzuführen, die Idee der qualitätsvollen Ausführung. Denn wie gesagt - was wir am Ende sehen sind Gebäude. Wenn es ums Bauen geht, wird es sehr schnell traditionell. Sogar die blaue Blase des Kunsthaus Graz - dieses fürchterliche Ding - ist am Ende ein Gebäude. Sie will etwas anderes sein, aber im Grunde ist sie aus Stahl und Beton.

GAT: Der Wohnbau in Polje ist aber auch in sozialer Hinsicht interessant - nicht zuletzt, weil es sich hier um sozialen Wohnbau handelt.
Perović: Es war sicherlich unsere Absicht zu zeigen, dass im sozialen Wohnbau qualitätsvolles Bauen möglich ist; dass architektonische Qualität auch mit geringstem Budget realisiert werden kann.
Bevk: Wichtig war uns in Polje vor allem die Gestaltung des öffentlichen Raums zwischen den Gebäuden. Die Gebäude selbst sind im Grunde sehr einfach - nicht zuletzt aufgrund der strengen Auflagen im sozialen Wohnbau. Ein großer Teil des Budgets wie auch des architektonischen Interesses wurde daher für die Gestaltung des öffentlichen Raums aufgespart. Hinzu kommt, dass die Gebäudekosten stets äußerst knapp kalkuliert sind, während die Kosten für die Gestaltung des Außenraums mehr Flexibilität bieten. Auch das ist ein Grund dafür, verstärkt Freiraumgestaltung zu betreiben.

GAT: Könnten Ihre Arbeiten als der Versuch einer Wiedereinführung von sozialer Verantwortung in der Architektur bezeichnet werden?
Perović: Ich würde sagen, soziale Verantwortung ist nicht nur die Essenz unserer Arbeit, sondern die Essenz der Arbeit jedes Architekten.
Bevk: In Slowenien gibt es einen enormen Bedarf an Wohnungen - dennoch hat sich der Staat nach der Wende weitgehend aus dem Wohnbau zurückgezogen. Wohnungen werden heute vor allem durch kommerziell orientierte Investoren gebaut. In der Zusammenarbeit mit der öffentlichen Hand wie in Polje war uns die Idee wichtig, durch die Betonung sozialer Aspekte auch auf kommerzielle Wohnbauprojekte positiv zurückzuwirken. Zumindest lässt sich sagen, dass öffentliche Wohnbauträger mit dem Projekt in Polje aufgewacht sind. Mittlerweile werden wieder vermehrt Wohnprojekte durch die öffentliche Hand gebaut - in Ljubljana, in Maribor, in Koper.

GAT: Welche Themen sind für Sie abseits des Wohnbaus interessant?
Bevk: Privathäuser beispielsweise. Im Unterschied zum Wohnbau ist es hier möglich, Wohnkonzepte auf eine viel freiere, aber auch klarere Weise zu entwickeln.
Perović: Einfamilienhäuser bieten ein Experimentierfeld für Ideen, die später in größeren Projekten umgesetzt werden können. Freilich kann man von Einfamilienhäusern nicht leben. Wir arbeiten deshalb genauso an Großprojekten - damit wir unsere Rechnungen bezahlen können.
Bevk: Andererseits bauen wir aber auch öffentliche Gebäude, wie die Fakultät für Mathematik in Ljubljana, die gerade fertig gestellt wird.

GAT: Wie steht es um das Engagement des Staates in Bezug auf öffentliche Gebäude?
Perović: Das ist generell sehr gering. Unsere Regierung erkennt wenig Nutzen daran, Slowenien über Architektur zu repräsentieren. Andererseits scheint es aber auch keinen großartigen Bedarf an neuen öffentlichen Gebäuden zu geben.
Bevk: Das größere Problem ist eher, dass in Ljubljana keine öffentlichen Räume wie Parks oder Plätze angelegt werden.
Perović: Anstelle von mehr öffentlichen Gebäuden würden wir es vorziehen, wenn mehr Parks im Zentrum von Ljubljana renoviert werden würden. Die Stadt ist keine Ansammlung architektonischer Juwele. Sie braucht eine Perspektive, wie sie sich in den kommenden Jahren weiterentwickeln will. Dazu sind Visionen nötig - etwas, was die Stadtregierung von Ljubljana bisher nicht erkannt hat.
Bevk: Die Stadtregierung verabsäumt es, ihre Macht dazu einzusetzen, dass das Kapital, das in Ljubljana investiert wird, auch der Allgemeinheit zugute kommt.

GAT: Dieses Problem ist auch aus Graz bekannt. Graz hat sich im Jahr der Kulturhauptstadt budgetär übernommen - nun werden zentrumsnahe Grundstücke der Stadt zu günstigsten Konditionen verkauft. Ist Ljubljana ebenfalls pleite?
Bevk: Die Stadt investiert nicht, also kann sie wohl kaum pleite sein.
Perović: Graz hatte durch das Jahr der Kulturhauptstadt zumindest eine Vision - selbst wenn die Stadt heute bankrott ist. Viele dieser so genannten Mid-Size-Cities leiden daran, dass ihre Stadtregierungen keine Visionen haben, zu keiner offensiven Planung, keinem offensiven Denken fähig sind. In dieser Hinsicht hatte Graz Glück, da 2003 ein öffentliches Interesse am Jahr der Kulturhauptstadt vorhanden war. Dies kam wiederum auch der Architektur zugute, auch wenn sich dies nur über Bauten wie die blaue Bubble oder die Murinsel von Acconci vermittelt.
Bevk: Wenn man das Ljubljana von heute mit jenem von vor 70 Jahren vergleicht, hatten gerade Plečniks Bauten jene Visionen die wir meinen. Plečnik vermochten es, unterschiedliche Teile der Stadt zu verbinden - durch die zahlreichen Brücken, durch öffentliche Plätze. Ljubljana war damals nur eine jugoslawische Provinzstadt. Heute ist Ljubljana Hauptstadt, und nicht fähig eine Vision zu entwickeln. Wir sind nun seit fünfzehn Jahren unabhängig - das ist keine so kurze Zeit.

GAT: Haben Sie eine Vision?
Bevk: Ein Vision für Ljubljana? Unsere Vision wäre vielleicht, eine Vision zu entwickeln.
Perović: Vielleicht auch gar keine Vision für Ljubljana, sondern für Slowenien. Denn das Land leidet wie viele andere der neuen Mitgliedsstaaten der Europäischen Union an einem Identitätsproblem. Slowenien hat es verabsäumt, eine wiedererkennbare Identität innerhalb der EU zu entwickeln - so wie es beispielsweise Österreich über den Tourismus oder die Kultur tut.
Bevk: Was wäre dies für Slowenien? Die Berge, das Meer? Die Kultur? Die Wissenschaft?
Perović: Oder die Architektur?
Bevk: Die Architektur? Sicher nicht!
Perović: Jedenfalls: Wenn man über eine Vision für Ljubljana nachdenkt, muss man zuerst eine Vision für Slowenien entwickeln. Man sagt, Slowenien sei zu klein für ein Land, aber zu groß für eine Stadt. Aufgrund der dichten infrastrukturellen Netze könnte Slowenien allerdings tatsächlich als eine Stadt angesehen werden.
Bevk: Diese Idee hatte schon Ravnikar entwickelt.
Perović: Heute, mit dem Bau der Autobahnen und dem baldigen Ausbau des Schienennetzes könnte man diese Vision wieder aufgreifen. Slowenien - weniger ein kleines Österreich als ein großes San Marino.



"Wir sind kommerziell"

Innerhalb der lebhaften Szene junger slowenischer Architekturbüros gibt sich die Gruppe enota bewusst pragmatisch. Dass Pragmatismus aber nicht gleich Langeweile ist, beweisen nicht nur zahlreiche ambitionierte Projekte, sondern auch die eben erst erfolgte Auszeichnung des Büros mit dem renommierten Jože Plečnik-Preis für das Hotel der Therme Olimia in Podčetrtek. enota, 1998 von Aljoša Dekleva, Dean Lah und Milan Tomac in Ljubljana gegründet, wird seit dem Abgang von Aljoša Dekleva 2003 heute von Dean Lah und Milan Tomac weitergeführt. Ebenso nüchtern wie die Bürophilosophie ist auch der kritische Blick des Kollektivs auf die eigene Kollegenschaft. Über Hang und Zwang zur Selbstpromotion und Kritikaster in den eigenen Reihen: Milan Tomac im Gespräch.


GAT: Im Unterschied zu den Namen zahlreicher Büros der jungen slowenischen Architekturszene steht „enota" nicht für eine oder mehrere Personen, sondern für ein Gruppenlabel. Was bedeutet der Name?
Tomac: enota bedeutet Einheit. Denn wir glauben nach wie vor, dass Architektur weniger eine Einzelleistung ist, sondern Teamarbeit. Manche der jungen Büros in Slowenien sind der Ansicht, dass Namen attraktiv sind und Personen wichtig. Das ist nicht unser Stil. enota könnte ein Büro für jedermann sein. Jeder der möchte und einige Zeit hier gearbeitet hat, kann als Partner bei uns einsteigen.

GAT: Selbstinszenierung ist für Sie also kein Thema?
Tomac: Sagen wir es so: Es macht mir einfach keinen Spaß, herumzugehen und allen zu erzählen wie gut ich bin. So bin ich einfach nicht. Aber ich sehe sehr wohl, dass jene, die das tun, einen besseren öffentlichen Auftritt haben und damit auch mehr Aufträge bekommen. So ist es, da kann man nichts machen. Das ist unsere moderne Welt, in der Du Dich in der Fülle an Information hervorheben musst.

GAT: Wie gehen Sie es an? Was ist Ihre Strategie?
Tomac: Um zu Aufträgen zu kommen? Ich glaube, dass Architektur immer noch Arbeit an konkreten Projekten bedeutet. Es geht nicht darum, Preise einzuheimsen, Vorträge zu halten oder bei gesellschaftlichen Ereignissen dabei zu sein. Wir sind ein kommerzielles Büro. Kommerziell im Sinne, dass wir bei Null angefangen haben und für unsere Arbeit bezahlt werden wollen - wie andere auch. In Slowenien liegt das Architektengehalt unter dem internationalen Durchschnitt. Das hat zur Folge, dass man an mehr Projekten arbeiten muss um durchzukommen. Das mag gut sein oder auch nicht, jedenfalls lernt man dadurch, schnell zu sein und effektiv zu arbeiten. Du bist produktiver, und damit gibt es mehr Projekte, die Du herzeigen kannst. Es ist klar, dass dadurch nicht alles perfekt gelingt - wir haben etwa keine Zeit, aufwändige Details oder ähnliches auszuarbeiten. In unserem Büro arbeiten gegenwärtig sechs Leute an fünfzehn Projekten. Keine wirklich befriedigende Situation!

GAT: Der slowenische Architekturtheoretiker Andrej Hrausky beschreibt das Slowenien von heute als „kapitalistische Demokratie". Zwingt der Kapitalismus enota dazu, kommerziell zu sein?
Tomac: Ich glaube, dass jedes Büro kommerziell sein muss. Du kannst nicht an Illusionen arbeiten, du musst an realen Projekten arbeiten. Und reale Projekte sind bezahlte Projekte. Das Problem der Architektur ist, dass Qualität generell nicht einfach zu beurteilen ist. Gute Architektur, schlechte Architektur, gute Architekten, schlechte Architekten ... letztendlich sind es zwischenmenschliche Dinge, also vage Gründe, die über diese Frage entscheiden. Wir sind Ingenieure. Ich glaube an Stabilität, an Dinge, die fix sind. Wenn es aber um die Beurteilung von Architektur geht, beginnt alles zu fließen. Wenn Du lange genug darüber redest, dass Du gut bist, dann bist Du gut. Wenn Dein Kunde glaubt, dass Du gut bist, bekommst Du mehr Aufträge. In diesem seltsamen Spiel meine ich dennoch, dass der kommerzielle Weg in der Architektur ein guter Weg ist. Alle wichtigen Architekten sind auch kommerzielle Architekten.

GAT: Würden Sie auch Aufträge ablehnen?
Tomac: Wenn die Vorstellungen des Kunden mit den unsrigen nicht zusammengehen, ja. Ich meine aber, dass ein Kunde den Architekten bekommt den er verdient - und umgekehrt. Kunde und Architekt finden sich, und es geschieht kaum, dass Du mit einem Kunden zusammenarbeitest, der nicht mit Dir kompatibel ist. Es passiert also höchst selten, dass wir einen Auftrag ablehnen. Vielleicht geht das später einmal. Aber wenn Du als junger Architekt anfängst, ist jedes Projekt für Dich wichtig. Alles andere wäre purer Luxus.

GAT: Wie würden Sie allgemein die gegenwärtige Auftragslage in Slowenien beschreiben? Welche Chancen haben junge Büros?
Tomac: Ich glaube, dass es in Slowenien um die Chancen für junge Architekten besser steht als in Österreich. Dies auch deshalb, weil es in Slowenien kaum mehr ältere Architekten gibt. Als das politische System vor fünfzehn Jahren wechselte, gingen mit dem Ende des sozialistischen Systems auch die meisten der großen slowenischen Büros bankrott. Es gab einfach keine Investitionen mehr. Die wenigsten Büros retteten sich mit Kleinstaufträgen über diese Durststrecke, die von 1985 bis 1995 andauerte. Die jungen Büros, die beinahe alle nach 1995 gegründet wurden, fanden also eine tabula rasa vor. Darüber hinaus hatte sich durch die Einführung des Computers auch die Arbeitsweise in den Büros grundlegend geändert. Alle, die damit umgehen konnten, waren jünger als 25! Wir konnten also von niemandem lernen und mussten quasi bei Null anfangen. Ich hatte zu dieser Zeit das Glück, bei Sadar Vuga, die ihr Büro eben erst gegründet hatten, am Projekt der slowenischen Industrie- und Handelskammer in Ljubljana mitzuarbeiten. Im Büro waren wir damals hauptsächlich noch Studenten, und wir hatten keine Ahnung, wie wir das Gebäude umsetzen sollten. Statik, Bauphysik, Bauabwicklung - wir wussten nichts, gar nichts. Es war unglaublich: Die Arbeit erfahrener Architekten wurde einfach von Studenten gemacht. Aber erfahrene Architekten gab es nicht mehr, und diese Situation erlaubte es, dass junge Leute an großen und wichtigen Projekte arbeiteten. Und man kann von Glück sagen, dass es nur wenige Projekte dieser Art gegeben hat - denn wer weiß, was sonst alles passiert wäre!

GAT: Das klingt nach Euphorie.
Tomac: Ich bin stolz, dieser starken Generation nach der Wende anzugehören. Aber es gibt heute auch viele Probleme. Architekten werden allgemein gering geschätzt, man vertraut ihnen kaum. Das mag auch an den Architekten selbst liegen. Wir haben zwar gelernt zu entwerfen, Konzepte zu erstellen, zu zeichnen und mit Fachplanern oder Behörden zusammenzuarbeiten, aber was wir noch nicht beherrschen ist, unsere Kunden davon zu überzeugen, dass der billigste Weg nicht immer der beste ist; und dass der Architekt jemand ist, dem sie vertrauen können. Abseits dieser Probleme kannst Du als junger Architekt heute viele Aufträge bekommen. Es hängt nur vom Geld ab, und Geld ist relativ. Die Schwankungsbreite der Honorare reicht von guter Bezahlung bis zu einem Zehntel davon. Wenn Du gratis arbeiten würdest, könntest Du an so vielen Projekten arbeiten wie Du willst.

GAT: Dennoch scheint es einen nicht unbeträchtlichen Konkurrenzdruck unter den jungen slowenischen Büros zu geben. Wie sehen Sie deren Verhältnis untereinander?
Tomac: Slowenien ist klein, jeder kennt jeden, und jeder redet über jeden. Was mich traurig macht ist, dass Architekten immer wieder nicht nur kritisch zueinander sind, sondern diese Kritik auch in die Öffentlichkeit tragen. Das ist schlecht für uns und unseren Beruf. Man sollte sehr wohl kritisieren, aber nicht in der Öffentlichkeit.

GAT: Gibt es Diskussionen unter den Büros, einen Transfer der Ideen?
Tomac: Manchmal mehr, manchmal weniger. Ein Beispiel für Diskussion ist die Internet-Plattform „Trajekt", wobei ich denke, dass enota vielleicht nicht aktiv genug ist, um an einem solchen Projekt mitzuarbeiten. Ich habe einen Zwölf-Stunden-Tag, da bleibt für so etwas einfach keine Energie. Aber wir sollten diese Dinge dennoch tun - nicht zuletzt, weil wir im Grunde für eine gemeinsame Sache eintreten: Wie kann Architektur mehr Vertrauen in der Gesellschaft gewinnen?



Chancen erkennen, Potenziale nutzen

Sadar Vuga waren und sind die Stars der jungen slowenischen Architekturszene. Gegründet 1996 von Jurij Sadar und Boštjan Vuga in Ljubljana, wurde das Büro bereits mit seinem ersten Projekt, dem Bau der slowenischen Industrie- und Handelskammer in Ljubljana - ein gewonnener offener Wettbewerb - schlagartig international bekannt. Ihre konzeptionellen Ansätze prägten eine ganze Generation junger slowenischer Architektinnen und Architekten, und eine nicht unbeträchtliche Anzahl der heute jungen Büros wurde von ehemaligen Mitarbeitern des Duos gegründet.

GAT: Sadar Vuga sind in vielerlei Hinsicht Ausgangspunkt der jungen slowenischen Architekturszene. Wie sehen Sie diese Entwicklung? Wie fühlt man sich als Überväter der neuen Architekturgeneration?
Vuga: Sicher, wir sind die Ältesten der Jungen. Als wir unsere Gruppe Mitte der 90er-Jahre gründeten, waren wir das erste Büro mit einer modernen, zeitgemäßen Bürostruktur. Davor, in den 80er-Jahren, gab es einerseits die großen, regierungsnahen Büros mit hundert oder mehr Mitarbeitern, die mit dem Ende des sozialistischen Systems fast alle bankrott gingen. Andererseits gab es in den frühen 90er-Jahren einen Trend zu kleineren Gruppierungen: Freiberufler, die sich in einem Dachverband - einer so genannten Umbrella Company - zusammenschlossen. Der Dachverband garantierte seinen Mitgliedern Befugnisse, Versicherung und andere Dinge.

GAT: Sie haben Ihre Tätigkeit also auch in dieser Form begonnen?
Vuga: Nein, wir sind gerade das Gegenteil einer Umbrella Company. Wir haben als kleines, aber professionelles Büro angefangen, das sowohl seine eigene Befugnis hat, als auch selbständig versichert ist.
Sadar: In gewisser Weise ist unser Büro symptomatisch für die Zeit des Übergangs Sloweniens in den 90er-Jahren, der sich nicht nur auf der Ebene der Architekturbüros, sondern auch sozial, politisch und in den Institutionen vollzog. Junge Architekten ohne viel Erfahrung hatten damals gute Chancen, an wirklich große Aufträge zu kommen - wenn sie nur gut genug waren oder etwas Glück hatten und einen Wettbewerb gewannen. Als junges Büro fängt man üblicherweise mit kleinen Projekten an, Interieurs und dergleichen; uns passierte das Gegenteil. Dies ermöglichte es uns, unser Büro auf professionelle Weise nach internationalem Standard zu strukturieren. Damit ist vor allem unsere Arbeitsweise gemeint: Kommunikation und Teamarbeit sind wesentlich. Wir sehen Architektur nicht als Einzelleistungen, sondern als Resultat einer intensiven Zusammenarbeit interner und externer Teampartner. In dieser Hinsicht waren wir tatsächlich die ersten, die die Möglichkeiten der Übergangszeit in Slowenien erkannten. Heute gibt es eine ganze Reihe von Büros, die in ähnlicher Weise professionell agieren.
Vuga: Drei oder vier dieser jungen Büros wurden von Leuten gegründet, die zuvor bei uns gearbeitet hatten. Insofern sind wir tatsächlich so etwas wie die Ahnen der jungen Generation. Was wir an den jungen Architekten allerdings kritisieren ist, dass sie es sich in der gegenwärtigen Situation bequem gemacht haben und zufrieden damit sind, Aufträge zu erhalten und Projekte zu bearbeiten. Es gibt kaum Ambitionen, Projekten ein gewisses „Extra" hinzuzufügen.

GAT: Aber auch Sadar Vuga wurden in letzter Zeit wiederholt dafür kritisiert, zwar kommerziell erfolgreich zu sein, dafür aber auch jeden Auftrag anzunehmen und Kundenwünsche eher kritiklos zu erfüllen.
Vuga: Es ist eine Sache, Aufträge anzunehmen, eine andere, einem Projekt auch eine gewisse Qualität zu verleihen; einen „Shift", etwas, das irritiert und zum Nachdenken anregt. Wir sind eben gerade kein kommerzielles Büro, weil wir unseren gesamten Gewinn in die Forschung und Weiterentwicklung unserer Arbeit investieren. Denn wenn Zeit Geld ist und die Möglichkeiten begrenzt sind, ist dies der beste Weg um innovativ zu bleiben.
Sadar: Kritisch sehen wir in der Tat, dass die junge Generation dazu neigt, internationale architektonische Strömungen einfach nur nach Slowenien zu importieren. Uns ist es wichtig, aus dem lokalen Kontext heraus zu agieren. Jedes Projekt entwickelt sich aus den spezifischen Bedingungen des Ortes, den Bedürfnissen unserer Kunden und den finanziellen Möglichkeiten. Wir arbeiten zuallererst programmatisch. Das zeigt sich beispielsweise in unseren Wohnprojekten, wo es uns darum geht, einen neuen Typus urbanen Lebens zu entwickeln.

GAT: Gerade Ihr Wohnprojekt „Condominium" - ein abgeschlossener Wohnblock für Besserverdienende im Stadtzentrum von Ljubljana - könnte aber auch als Import des amerikanischen Modells der Gated Community verstanden werden.
Sadar: Es ist richtig, dass dieser Wohnbau nach außen hin abgeschlossen ist. Umgekehrt wendet er sich aber auch deutlich dem Außenraum zu - durch die Orientierung der Räume, durch die Verwendung großzügiger Balkone. Ich würde das nicht so sehen. Außerdem: Da diese Wohnanlage von Einfamilienhäusern umgeben ist, die ihrerseits nach außen hin abgeschossen sind, formuliert unser Gebäude einen neuen Typus sozialen Zusammenlebens innerhalb dieses zentrumsnahen Wohngebiets.
Vuga: Es ist uns wichtig, uns immer wieder neu zu fragen, wie Leute wohnen und arbeiten und wie sie das in Zukunft tun wollen. Gebäude sind Generatoren sozialer Wirklichkeiten. Wie können standardisierte Programme neu gedacht werden? Wie steht das Gebäude mit seiner Umgebung in Beziehung? Als Architekten verkaufen wir Konzepte. Die Ausführung muss daher auch nicht unbedingt von uns übernommen werden. Unsere Herangehensweise ist es, Konzepte für die Stadt und ihre Entwicklung zu entwerfen, die im Gegensatz zu jenem statischen Zustand stehen, in dem sich die Stadt heute befindet. Denn aus unserer Sicht sollte die Identität einer Stadt einem beständigen Wandel unterworfen sein. Wir arbeiten in diesem Zusammenhang gegenwärtig an der Studie „Formula New Ljubljana", die Entwicklungsmöglichkeiten für Ljubljana skizziert.

GAT: Worum geht es dabei?
Vuga: Konkret geht es um die Entwicklung von Stadtteilen, deren Potenzial bis heute nicht erkannt wurde - sei es das Gebiet der ehemaligen Tabakfabrik nahe dem Stadtzentrum, das sich für die Entwicklung von Hochhäusern eignen würde, sei es das Areal der Einkaufszentrums BTC an der Peripherie von Ljubljana, das plant, zum größten Einkaufszentrum Europas zu werden. Für das BTC haben wir darüber hinaus eigeninitiativ ein Programm zur Restrukturierung des Areals vorgelegt, worauf es uns kürzlich gelungen ist, erstmals Vertreter der Stadtregierung und der BTC-Eigentümer zu Gesprächen zusammenzubringen.

GAT: Die Zusammenarbeit zwischen Stadtplanung und Politik scheint also trotz hoher Ambitionen von Investoren noch in den Anfängen zu stecken.
Vuga: Im Grunde mangelt es heute vor allem an Visionen. Als wir 1996 unser Büro gründeten, hatte die Übergangszeit in Slowenien gerade ihren energetischen Höhepunkt erreicht. Unser erstes Projekt, die slowenische Industrie- und Handelskammer in Ljubljana, spiegelt auf gewisse Weise die sozialen und politischen Bedingungen dieser Zeit wider. Im Unterschied zur heutigen Situation war die Gesellschaft damals wesentlich mehr dazu bereit, frische und radikale Projekte zuzulassen.
Sadar: Die Industrie- und Handelskammer ist bis dato eigentlich das einzige Projekt, das den damaligen Optimismus des Landes tatsächlich transportiert. Heute hat sich das Staatssystem etabliert, aber die Regierung hat keine Vorstellungen mehr, wie sie die neuen Bedingungen des Landes auch architektonisch repräsentieren will.
Vuga: Die Möglichkeiten, die sich durch die neue politischen Situation, durch die geografischen Lage Sloweniens an der Schnittstelle zwischen Ost und West, und nicht zuletzt durch die Aufnahme Sloweniens in die Europäische Union ergeben, werden heute kaum genützt. Das betrifft nicht nur die Politik, die auf stark innenpolitische Belange beschränkt bleibt, sondern auch die Architektur. Wenn wir keine Möglichkeiten dafür schaffen, dass ausländische Architekten in Slowenien bauen, können wir auch kaum erwarten, dass slowenische Architekten im Ausland arbeiten werden. Das ist ja nur logisch ...



Nachlese zu SLO } { discussions1

Junge slowenische Architektur und Stadtentwicklung im Fokus - Teil 1. Am Anfang stand die Frage nach einer slowenischen Identität, am Ende die, ob kritischer Regionalismus überhaupt angestrebt wird.

Schon der Titel zeigte die Richtung an. Beim ersten Abend der ZV-Reihe SLO} {discussions „Junge slowenische Architektur: Kulturimport oder kritischer Regionalismus?" am 29.03. im Haus der Architektur Graz wollte man der Frage nachgehen, ob die neuere slowenische Architektur ein eigenständiges, unverwechselbares Profil, ob sie slowenische Identität entwickle. Zur Klärung der Lage hatte man sich Andrej Hrausky, den profundesten Kenner und steten Beobachter der slowenischen Architekturproduktion eingeladen, wohl ahnend, dass die eingeladenen Architektur-Produzenten, das seit 2003 in Slowenien arbeitende Architektenduo Dekleva Gregoric (Ljubljana) und die Gruppe AKSL Arhitekti (seit 2000 ebenfalls in Ljubljana) die Analyse ihrer Arbeit selbst weder übernehmen können noch wollen.
In der ausführlichen, mit Bildern untermalten Einführung, in der Andrej Hrausky weit ausholte und mit der Arbeit von Joze Plečnik wohl auf die ruhmreichste Geschichte der slowenischen Architektur kam, wurde klar, warum sich die Frage nach Identität und kritischem Regionalismus heute überhaupt stellt. Plečnik (1872-1957) hatte es vorgemacht. In seinen bis heute vielbeachteten Bauten lassen sich europäische Einflüsse von Otto Wagner bis zur Moderne ablesen, wenngleich sie in eine eigenständige Architektursprache transferiert wurden, die neben einer Vorliebe für klassische Monumentalität eine deutliche Hinwendung zu lokaler Tradition und Handwerkskunst aufweist. Fortgesetzt wurde der moderne Regionalismus nach dem Krieg durch die zentrale Figur der Architekturfakultät Ljubljana, Edvard Ravnikar, der die Erfahrungen aus der Arbeit in Le Corbusiers Atelier mit der Tradition der Plečnik-Schule verknüpfte und versuchte, daraus eine regionale Variante des Internationalen Stils zu entwickeln.
Die Arbeit von AKSL Arhitekti scheint frei zu sein von (einschüchternden) Beeinflussungen der großen „Überväter" Plečnik und Ravnikar. Aleš Košak und Špela Leskovic gehören der jüngsten Architektengeneration an, sind jedoch, anders als ihre Kollegen Dekleva Gregorič nach dem Studium in Slowenien geblieben. In ihrer Werkschau machten sie deutlich, dass ihre Herangehensweise an eine konkrete Aufgabe nicht durch Programmatik, sondern durch Pragmatik gekennzeichnet ist. Die gezeigten Arbeiten - Interieurs von einem Cafè in Kranj, einem Restaurant, einem Frisiersalon und einer Werbeagentur in Ljubjana, Umbauten, Zubauten und Wettbewerbsbeiträge zu Einfamilienhäusern und drei mittelgroße öffentliche Bauten - sind detailgenaue, gekonnte Dienstleistungen, die sich an den Bedürfnissen und Mitteln der Auftraggeber orientieren und Form und Erscheinung aus der jeweiligen Aufgabenstellung generieren.
Dekleva Gregorič zeigen schon in der perfekten Anwendung des Englischen, dass sie, bedingt durch ihr Postgraduate-Studium an der AA in London, Weltbürger geworden sind. Auch ihr Leitsatz „Design as research and response" und der Fokus auf den User und das Material drücken weniger slowenische Identität aus als einen anlassbezogenen „pragmatischen" Zugang zu Aufgabe und Entwurf. Das wenig über dreißig Jahre alte Architektenpaar zeigte den Wohnblock „3 for one" in Sezana (an der italienischen Grenze) und ihr Siegerprojekt eines städtebaulich dominierten Wohnbauwettbewerbs aus 2006. Ein eigenes Profil entwickelten sie mit dem Winzigprojekt XXS-House in Ljubljana, mit dem es ihnen gelang, aus rigoros einschränkenden Vorgaben erstaunliche räumliche, formale und Belichtungs-Qualität zu entwickeln.
Dieses kleine objekthafte Erstlingswerk brachte Dekleva Gregorič jene internationale Beachtung, die immer auch dazu führt, dass wie im HDA die Frage nach dem typisch Slowenischen in der Architektur der jungen slowenischen Architektengeneration gestellt wird. Den an diesem Abend präsentierten Projekten der beiden Gruppen war keine nationale Ausprägung abzulesen. Da konnte Andrej Hrausky noch so bemüht sein, slowenische Eigenheiten zu formulieren, die respektvolle Beachtung des „Genius loci" und die Fähigkeit zur genauen Detaillierung machen noch keinen eigenständigen slowenischen Weg aus. Die Frage drängte sich auf: Muss das kleine Land Slowenien mit 2 Millionen Einwohnern überhaupt einen neuen Anlauf zur Entwicklung einer Architektur mit slowenischer Identität nehmen? Ist es nicht ausreichend, in Zeiten eines auch Slowenien überrollenden neuen Kapitalismus beharrlich an Wert und Bedeutung von höchster Bauqualität für die Gesellschaft festzuhalten? Nicht mehr, aber auch nicht weniger - hatte man den Eindruck - haben sich Dekleva Gregorič und AKSL Arhitekti für ihre Arbeit vorgenommen.



Nachlese zu SLO } { discussions2

Am 26.04.2006 um 19.00 Uhr fand im HDA Graz der zweite Diskussionsabend der dreiteiligen Reihe SLO} {discussions zur jungen slowenischen Architektur statt.

Das Thema des Abends lautete "Medium Size City: Chancen der Stadtentwicklung in Ljubljana". Gäste waren der Teoretiker Roemer van Toorn [NL] und die Architektenteams Bevk in Perovic Arhitekti sowie Monochrome Architects aus Ljubljana.

Junge slowenische Architektur und Stadtentwicklung im Fokus - Teil 2. Wie kann eine mittelgroße Stadt wie Ljubljana Profil entwickeln und: braucht sie überhaupt ein Branding?

War's die Attraktivität von FC Barcelona gegen AC Milan oder waren es die beim ersten Abend der ZV-Reihe SLO/discussions etwas langatmig geratenen Monologe des Archivars der slowenischen Architektur, Andrej Hrausky, die die Reihen beim zweiten Teil der Veranstaltungsreihe am vergangenen Mittwoch gelichtet bleiben ließen? Am Thema konnte es nicht liegen; Chancen (und Probleme) der Stadtentwicklung mittelgroßer Städte am Beispiel von Ljubljana zu thematisieren, schien schon deshalb reizvoll, weil die slowenische Hauptstadt in ihrer Struktur und Topographie durchaus Ähnlichkeiten mit Graz aufweist. Folgerichtig stellte der als Moderator eingesetzte holländische Architekturtheoretiker Roemer van Toorn in seinem Eröffnungsstatement allgemeine Fragen zur einer zeitgemäßen Identität mittelgroßer Städte voran und damit zur Diskussion. So fragte er, was heute an Stelle des nicht mehr funktionierenden Nationalstaatengedankens rücken könnte, um gleich darauf klarzustellen, dass jene „kosmopolitische Realität", die als Folge der Globalisierung das Denken (und Konsumverhalten) der Bürger wie auch das Bild der Stadt bestimmt, zu banal sei, um identitätsstiftend zu sein. Was könnte Weltläufigkeit heute sein, wie sich der Bürger als Kosmopolit neu definieren?

Derartige Fragen zur Identitätssuche und zum „Branding" der Stadt Ljubljana scheint man sich, glaubt man den geladenen Laibacher Architekten, in der Stadt selbst nicht zu stellen. Sie beklagen das Fehlen jeglicher programmatischer Überlegungen zur Stadtentwicklung, ja, sogar das Fehlen eines Stadtplanungsamtes, was dazu führe, dass die Stadt auf Investoren, Ansiedlungs- und Bauboom in keiner Weise vorbereitet sei. Eine von van Toorn zitierte Studie wurde denn auch am Berlage-Institut in Amsterdam erstellt. Ihre Autoren verfolgten einen sehr pragmatischen Ansatz und untersuchten die Stadt bis hin zu den (ungeklärten) Eigentumsverhältnissen der freien Grundstücke im Zentrum. Sie weisen der Stadt eine Scharnierfunktion zwischen zwei Regionen zu.

Bevor eine Diskussion ansatzweise herausarbeiten hätte können, was der kosmopolitische Ansatz, was eine heutige Vision für die europäische Stadt sein könnte, stellten die beiden geladenen slowenischen Teams noch kurz ihre Arbeiten und Arbeitsweise vor.

Matija Bevk und Vasa J. Perović, die sich Bevk in Perović Arhitekti nennen, erhalten Aufträge von der öffentlichen Hand. Sie sind in Slowenien offensichtlich schon etabliert und können bei ihren Bauten seit der Errichtung der Residenz für den Niederländischen Botschafter mit einer Publizität über die Grenzen Sloweniens rechnen. Mit der Betonung, dass ihr besonderes Interesse an den Schnittstellen zwischen innen und außen und zwischen Kollektiv und Individuum liegt, schließen sie an das Thema des Abends, die Stadtentwicklung von Ljubljana, an. Welchen Wert sie dem öffentlichen Raum zuweisen, konnten die beiden Architekten an ihrem sozialen Wohnbau in Polje bei Ljubljana zeigen, bei dem sie - trotz äußerst geringer Mittel - der Zuordnung und Gestaltung der Außenräume besondere Achtsamkeit zuteil werden ließen.

Monochrome Architects, die zweiten Referenten des Abends, sind (noch) stark verhaftet im Experimentellen und in Theorie, oszillierend zwischen Kunst und Architektur. Vertreten durch die wortgewandte Architektin Spela Hudnik stellte die Gruppe ein interessantes Pendant zu Bevk in Perović dar. Präsentiert wurde keine architektonische Arbeit im engeren Sinn, sondern Struktur und Programm von „Euphoria", der letzten Architektur Biennale von Ljubljana, die Monochrome organisiert hat. Provokatives Thema eines in diesem Rahmen veranstalteten Ideenwettbewerbs, zu dem 27 Projekte aus 13 Ländern eingelangt sind, waren „Skyscraper" für die junge Hauptstadt. Nichtsdestotrotz stellte Spela Hudnik die Frage, ob (derartige) Veranstaltungen mit klarem Profil, bei denen die Menschen vor Ort einbezogen werden, nicht eher zur Identitätsstiftung einer mittelgroßen Stadt beitragen könnten als spektakuläre Bauten, die einer Stadt übergestülpt werden wie das Museum von Gehry der Stadt Bilbao. Die Frage, ob der sogenannte Bilbao-Effekt nun negativ gesehen werden muss oder doch auch positiv sein kann, wie Roemer van Toorn sie klug in seiner Einleitung stellte, wurde von der Architektin nicht aufgenommen und auch in der Diskussion danach nicht mehr gelöst. Sie ist für Ljubljana offensichtlich nicht aktuell.

Den Verantwortlichen in der Stadtpolitik möchte man nach diesem Abend durch Zuruf bewusst machen, welche Denk- und Handlungspotenziale mit engagierten „Patrioten" wie Bevc, Perović oder Hudnik die Stadt versammelt. Klugerweise sollte man sich ihrer bedienen, will man die derzeit gegebene Chance einer schnellen Entwicklung auch zum Wohle der Bürger strukturieren und lenken. Mit Plecnik hat schon einmal ein Architekt maßgeblich zur Identitätsbildung von Ljubljana beigetragen.



Nachlese zu SLO } { discussions3

Der dritte und letzte Abend der Vortagsreihe SLO}{discussions, am 31.5.06 im gut besuchten HdA Graz, stellte sich dem zentralen Thema: „Slowenien und Österreich: Jeder für sich oder gemeinsam stärker".

Das Hauptanliegen war die Klärung der Frage, wie es zu einer Öffnung der Identität von Orten kommen kann. Mentale und politische Grenzen sollen überwunden werden, um mehr Internationalität zu schaffen, dabei könne sich die Kunst, insbesondere die Architektur an der Wirtschaft ein Beispiel nehmen. Um dieses Thema zu illustrieren, wurde die Beziehung zwischen Graz und Maribor und die städtebauliche Situation in Ljubljana von den Referenten herangezogen. Gäste waren Andreas Ruby (Architekturkritiker und -theoretiker), Boštjan Vuga (Sadar Vuga Arhitekti, Ljubljana), Miha Zupanc (Operative Director, BTC Ljubljana) und Roger Riewe (Riegler Riewe, Graz). Fabian Wallmüller und Andreas Ruby moderierten die Veranstaltung.

Andreas Rubys Vortrag beschäftigte sich mit dem Thema „Orte": Slowenien und Österreich liegen zwar geografisch nahe beieinander, sind aber durch historische Umstände kulturell sehr unterschiedlich geworden. Für eine Zusammenarbeit dieser Regionen benötige man ein bestimmtes Identitätskonzept, nämlich jenes, dass eine Person an einem Ort einen Teil der eigenen Identität freilassen soll für andere Orte, um sich von einer weiteren Identität nähren zu können. Ruby kritisiert das Festhalten an der Vorstellung, dass Orte, die einmal produziert wurden, von uns heute nur mehr kuratiert werden. Heutzutage werden künstliche Orte „gemacht" (so genannte non places) und vielfach in andere Orte transponiert (z.B. Indoor Schihallen, Ocean domes...). Um die Idee der Transponierung von Ortsqualitäten von einem Ort auf den andern sinnlich spürbar zu machen, bot Ruby seinen Zuhörern zum Abschluss seines Vortrages eine Kostprobe eines Musikstückes eines britisch-indischen DJs, der in seiner Komposition indische Musik mit drum & base -Sequenzen kunstvoll verquickt.

Der slowenische Investor Miha Zupanc sprach über BTC-Ljubljana, das europaweit größte Shopping Center. BTC entwickelte sich aus dem seit 1975 bestehenden Binnenlager auf den Feldern von Ljubljana und umfasst heute 45ha; über 4000 Menschen arbeiten dort und es gibt 420 verschiedene Shops. Pro Jahr suchen 18 Millionen Besucher BTC-City auf. Das Areal bietet neben Bürogebäuden Platz für Sport- und Kulturaktivitäten. Man ist bestrebt internationales Publikum anzulocken. Der Komplex wurde von 40 verschiedenen Architekten realisiert. Als Beispiel für internationale Mitgestaltung nannte Zupanc die Realisierung eines Wasserparks durch einen deutschen Architekten. Zupanc und seine Gesellschaft wollen BTC zum größten Einkaufszentrum der Welt machen, sogar ein 2-tägiges „Festival des Einkaufens" ist geplant - Konsum ohne Grenzen.

Boštjan Vuga schloss in seinem Vortag an Rubys Gedanken der „gemachten Orte" an - BTC ist ein solcher. Ljubljanas Einwohner zeigten anfangs kein Interesse an dem neuen benachbarten Stadtteil und waren nicht bereit BTC-City zu integrieren. Ljubljana sei eine Stadt, die auf ihre architektonische Entwicklung mit Plečnik und Ravnikar stolz ist. In den letzten 15 Jahren hat sich nicht viel verändert. Ein Bronzemodell von Ljubljana-City mitten im Zentrum der Stadt symbolisiert diesen eingefrorenen Zustand.
Ljubljana-City versus BTC-City? Sadar Vuga Arhitekti durchdachten die Möglichkeiten neuer integrativer Visionen für Ljubljana und BTC. In einer Studie, die Sadar Vuga Arhitekti letztes Jahr am IAAC Institut in Barcelona durchgeführt hat, stellte sich das Team folgende Fragen: Was kann man zu einer Stadt, der es an nichts fehlt, noch hinzufügen, damit sie zu einer „genialen Stadt" wird? Wie könnte ein Link zwischen der Stadt Ljubljana und BTC-City funktionieren, damit sie in Synergie miteinander leben können? Ziel war es den Raum um Ljubljana nicht zu zerstören, sondern sichtbare Erneuerungen der Stadt anzubieten.
Es entstand eine neue Stadtschicht, „The Formula of New Ljubljana", die dynamische Transformationen für Slowenien bringen sollte, mit der Begründung, dass sich ein Stadtbild konstant verändern muss. Die neue Schicht sollte eine neue bereichernde Identität für Ljubljana produzieren. Dann könnten sich die Bewohner immer noch entscheiden, ob sie der neuen Schicht angehören oder in der erstarrten Stadt weiterleben wollen.

Roger Riewe stellte seinen Vortrag unter den Leitgedanken, dass Grenzen nur gedankliche Konstrukte sind. Schon vor 10 Jahren hatten die Grazer Architekten darüber diskutiert, was nach dem EU-Beitritt Sloweniens passieren würde? 1999 entstand das ZV- Projekt „Graz-Maribor - Räume der Zukunft". Durch die Schaffung der „California Line", einer durchgängigen Verkehrsverbindung von Portugal über Triest, Ljubljana, Budapest-Kiew bzw. Thessaloniki (es handelt sich hier um ein EU-Projekt, Anm.), würde es für Graz notwendig werden, sich in Richtung Süden zu bewegen, um an die Tranversale andocken zu können. Ohne auf politische Hilfestellung in dieser Bewegung zu warten, wurde von der ZV ein Internetforum eingerichtet, um das Gebiet Graz-Maribor zu evaluieren. Das Forum ist zwar gescheitert, aber auf der unteren politischen Ebene gab es Begegnungen. Auch in der Presse fand das Thema Widerhall.

In der Diskussion kristallisierte sich der in Ljubljana herrschende Gegensatz zwischen dem Wunsch nach mehr Größe und der Angst vor drohendem Identitätsverlust durch Internationalität heraus. Die Wirtschaftslobby strebt nach Expansion, die Architekten wollen durch kulturelle Produktionen das Selbstwertgefühl steigern. Dieser Widerspruch soll gesellschaftlich produktiv gemacht werden. Das „Wie?" einer extrovertierten Identitätspolitik wurde in den Raum gestellt. Werden Architekten angehört, um mitzuhelfen, eine translokale Identität zu forcieren? Die polyglotten Slowenen sind bereit für einen weiter gespannten Identitätsbegriff. Sie haben das Bewusstsein, dass sie noch mehr nach außen gehen müssen. Slowenien befindet sich nach dem EU- Beitritt in einem politischen Schwebezustand und der Raum Triest-Ljubljana-Graz-Maribor wird zusehends in drei verschiedene Gebiete zerfallen, die politische Landkarte unbedeutend werden. Fremdnutzung ist wichtig, um neue Identitäten entstehen zu lassen und dominante, lokale Identifikation soll durch Nomadentum gebrochen werden.



SLO } { excursion

Am 21. und 22. April 2007 lädt die Zentralvereinigung der Architekten Österreichs - Landesverband Steiermark österreichische und slowenische ArchitektInnen sowie Architekturinteressierte zu einer zweitägigen Exkursion nach Slowenien. Schwerpunkt der Reise ist sowohl die Besichtigung neuester Bauten von Ljubljana bis Koper, als auch ein informelles Kennen-Lernen österreichischer und slowenischer Exkursionsteilnehmer untereinander.

Drei Jahre nach der EU-Erweiterung ist Slowenien trotz unmittelbarer geografischer Nachbarschaft ein aus österreichischer Sicht immer noch weitgehend unbekanntes Territorium - auch in architektonischer Hinsicht. Gerade in Hinblick auf die slowenische Architektur lohnt aber ein Blick über die Grenze, zumal sich in Slowenien gegenwärtig eine überaus lebendige und ebenso produktive Architekturszene entwickelt. In deren Zentrum steht eine Generation junger slowenischer ArchitektInnen, die seit der Unabhängigkeit des Landes nicht nur mit einem neuen politischen Selbstverständnis aufgewachsen ist, sondern es auch versteht, aktuelle internationale Ansätze eindrucksvoll in eigene, jüngst realisierte Arbeiten einzubringen.

Auf dem Programm stehen unter anderem das XXS house von Dekleva Gregorič, ein Studentenwohnheim von Bevk in Perović Arhitekti oder der Wohnbau Poljane von Ofis Arhitekti in Ljubljana, sowie Villa Artes von AA Kultura in Portorož und die Universität Koper von plusminus 30. Das genaue Programm ist auf www.zv-steiermark.org abrufbar.

Die Einladung zur Teilnahme an der Exkursion richtet sich sowohl an österreichische als auch slowenische ArchitektInnen, StudentInnen und Architektur-Interessierte. Denn neben der Besichtigung von Architektur möchte die Exkursion den Teilnehmern Gelegenheit geben, sich auch gegenseitig, quasi über Grenzen hinweg, kennen zu lernen. Dies nicht nur fachlich, wenn slowenische ArchitektInnen vor Ort Einblick in ihre Bauten geben werden, sondern auch kulinarisch beim Abendessen in Ljubljana, zu dem Haworth comforto und Bene Büromöbel laden. Ziel der Reise ist es nicht zuletzt, einen Dialog weiterzuführen, der mit den bereits stattgefundenen ZV-Veranstaltungsreihen SLO } { discussions (HDA Graz) und AUT } { discussions (Mestni Muzej Ljubljana) erst begann.



SLO } { excursion: "In weiter Ferne so nah"

Am 21. April 2007 begab sich die ZV Steiermark mit 34 Architekturinteressierten nach Sowenien, um im Rahmen einer zweitägigen Exkursion neueste Bauten von Ljubljana bis Koper zu besichtigen.

"In weiter Ferne so nah"

Ein Reisebericht von Maria Nievoll.
Fotos: Karin Wallmüller

In weiter Ferne so nah, nämlich einen Katzensprung oder eine zweistündige Autobusfahrt: Wenn das überhaupt alles geht und metaphorisch irgendwie noch zusammenpasst, dann beschreibt es den Aufbruch in das Projekt SLOwenien der ZV Steiermark und die Ankunft in der Hauptstadt Laibach anlässlich der Exkursion sehr gut. Unter strahlendem Himmel, wie man so sagt, besichtigten 34 ArchitektInnen SLO-Projekte:

1. Ein Studentenheim in der Laibacher Potočnikova 52 des Büros (Matija) Bevk (1) - (Vasa J.) Perovič: mit viel Esprit, großzügigen Wohneinheiten und ebensolchen charakteristischen duftenden genoppten Plastikböden in grellen Farben. Das Heim liegt an einer stark befahrenen Straße, ist jedoch durch einen ansehnlichen Park mit Baumbestand davon getrennt. Die großzügige Lounge oder Halle ist einladend möbliert; die Architekten haben sich für die Ausstattung der öffentlichen Bereiche viel einfallen lassen; sie weist auf ein Prestigeprojekt hin. Die 56 Wohneinheiten sind eher nüchtern, die Balkone mit einzeln gefertigten Alulochblechen als Fensterläden versehen - der Fassade wird damit noch einmal Raum abgewonnen. Außergewöhnlich

2. Die Fakultät für Mathematik von Pevk-Perovič in der Jadranska 19 ebendort, indem wir dem Plastikboden folgen, der sich auch hier findet. Die Fakultät wurde geschichtlich bedingt auf einen privaten Bau aus zwei Geschoßen gepfropft, sie selbst besteht aus drei; dieser Hybridisierung wurde durch eine Fassade mit teilweise öffenbaren mit Streifenmuster bedruckten Gläsern entgegen gewirkt, unbedruckte Gläser markieren die Gemeinschaftsbereiche vor allem an den beiden Köpfen der Geschoße. Der große Hörsaal ist mit noch nie gesehenen horizontal beweglichen Sitzen ausgestattet: Ein absolutes Novum für die GrazerInnen! Eine Innovation, die das leidige Gefühl, während der Vorlesungen am Sessel anzuwachsen, sofern man es auf den meist schlechten Bänken oder Stühlen bei meist schlechtem Licht und schlechter Luft überhaupt aushält, sofort schwinden lässt. Der Eingangsbereich ist durch die Eigentumsverhältnisse - unten privat, oben öffentlich - unerwartet klein. Das Gebäude insgesamt spiegelt mit seiner Form die Physikfakultät gegenüber.

Drittens und viertens und fünftens ebenso viele soziale Wohnbauten, bspw. das gelungene Projekt „Poljane" in der Poljanska cesta von Špela Videčnik und Rok Oman von OFIS arhitekti, mit 650 Wohneinheiten, hochgezogen in weniger als achtzehn Monaten, was einer Wohnung pro Tag entspricht. Dann eines, das besonders billig war, das „Polje" Projekt von Bevk-Perovič Arhitekti am Stadtrand von Laibach in Polje 371-376, bestehend aus sechs Baukörpern mit insgesamt 78 Wohneinheiten und einem großzügigen Park dazwischen. Jeder Bau hat zwei Eingänge, einen Haupteingang und einen Hintereingang für Fahrräder und anderes Sperriges. Die Häuser vergibt die Stadt Laibach an Unterprivilegierte, das Grundstück liegt entsprechend auch hinter dem Frachtenbahnhof, aber das kann der Begabung der Architekten Bevk Perovič nichts an, sie wird unter diesen schwierigen Umständen vielmehr besonders sichtbar: es ist ihnen eine Art Dorfplatz gelungen, auf dem sich, wie wir uns überzeugen können, an diesem strahlenden Frühlingstag die BewohnerInnen, darunter viele RollstuhlfahrerInnen, gerne aufhalten.

In Sežana auf dem Weg nach Koper besichtigen wir noch einen sozialen Wohnbau von Dekleva Gregorič arhitekti gegenüber einem Spar Markt in der Cesta na Lenivec 6, bestehend aus insgesamt drei Baukörpern und ein wenig Landschaftsgestaltung rundherum. Die Bauten streben rot und modern nach oben, wobei man zu bemerken meint, dass in der Entwicklung sukzessive Abstriche gemacht werden mussten.

Noch in Laibach spazieren wir vom Zentrum nach Krakovo, einem jetzt denkmalgeschützten und deswegen idyllischen Dorf, in dem Dekleva Gregorič arhitekti aus einem Schuppen oder Lager ein cleveres Wochenendhaus mit Lichtschächten gemacht haben, genannt XXS Haus, gelegen in der Kladezna ulica. Das Haus ist für ein Paar, das die Woche über auf dem Land lebt. Ein perfektes Haus, das man gerne der Qualität und Einfachheit wegen mit dem Haus Blejec in Pot v smrečje 28A, zwischen einer Einfamilienhaussiedlung und einem Waldrand gelegen, vergleicht. Die Architekten Bevk in Perovič haben das Erdgeschoß um 90° aus der Struktur herausgedreht und den Bau zu den Nachbarn hin bis auf ein opakes Glasband entlang der Oberkante dicht gemacht. Dafür ist der Wohnbereich im ersten Geschoß auf der dem Wald zugekehrten Seite voll verglast.

Apropos genoppter duftender Plastikboden: Noch einmal sollten wir ihm begegnen, wieder in einem öffentlichen Gebäude, diesmal in Koper am Titov trg Nr. 4 oder Hauptplatz. Das junge Büro Plusminus30 führte dort selbst zusammen mit der Kunsthistorikerin Dr. Sonja Ana Hoyer, wofür sich die Exkursionsteilnehmer selbstverständlich bedanken! Es handelt sich um einen Umbau zweier öffentlicher Gebäude aus der Renaissance, der Armerija und der Foresterija, daneben lag und liegt der Palast des Prätors. Um eine Uni, genauer eine Fakultät für Humanwissenschaften plus den Sitz der Primorska Universität unterzubringen, errichteten Plusminus30 noch einen Neubau hinter den historischen Bauten, der vom Hauptplatz aus nicht sichtbar ist. Der neue Teil ist gut gelungen und wird allen Funktionen gerecht, der Umbau auch, aber nur eingeschränkt - man müsste die Geschichte besser kennen; man hat jedenfalls das Gefühl, dass man sich nicht ganz zwischen neuer Architektur oder meinetwegen Behutsamkeit und Erhaltung um jeden Preis entscheiden konnte. Ein Beispiel dafür sind Wandfresken, deren mehrere Schichten man um jeden Preis sichtbar machen will, oder auch Teile einer bemalten Holzdecke, die etwas unmotiviert von der Decke abgehängt wurden. Zwei Gefängniszellen im Erdgeschoß aus der Zeit, als dort noch Österreicher herrschten, wurden erfolgreich in Büros umgewandelt.

Die letzte Station war die Villa Artes von AA kultura auf einem schwierigen steilen Hanggrundstück an der Straße, die sich nach Portorož hinunter dreht. Ein gut durchdachtes Wohnprojekt mit acht zur Küste orientierten Wohneinheiten mit Gärten und historischen Zitaten wie einer großen Halle, von der aus die Wohnungen erschlossen werden, was sie außerdem vom Verkehrslärm ein wenig abschirmt. Die Straße soll stillgelegt werden, und dann wäre das Wohnen hier ein Traum - wäre, denn es läuft ein Prozess um die Benützungsbewilligung. Es wurde lokaler Stein verwendet, auch die Streifenfassade wurde historischen Stadtpalais der Küstenstädte nachempfunden.

Allgemeines
Fabian Wallmüller und Spela Leskovic haben die Exkursion bis ins Detail geplant und mit den slowenischen ArchitektenkollegInnen perfekt organisiert. Die Zentralvereinigung Steiermark dankt den beiden herzlich. Sie dankt auch der Firma bene, dem großzügigen Hauptsponsor, und der Firma Spar für die Lunchpakete.




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